Nationalfarben

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Nationalfarben


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021

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Autor*innen: Talita Pickl, Nele von Ohlen & Linus Ehle


Die offiziellen Farben der Bundesrepublik sind schwarz-rot-gold. Anders als viele andere Nationen hat Deutschland jedoch keine einheitliche Nationalfarben-Tradition. Während beispielsweise die Niederlande seit dem 16. Jahrhundert und Frankreich seit der Französischen Revolution auf eine Trikolore als Nationalsymbol zurückblicken können, gibt es in der jüngeren deutschen Geschichte eine vielfältige Abfolge an offiziellen Nationalflaggen und -farben. Wie kommt es dazu, dass sich Deutschland diesbezüglich deutlich von den Traditionen der meisten unserer Nachbarländer unterscheidet?

In unserer Arbeitsgruppe haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie es zur Flagge des heutigen Deutschlands kam und inwiefern hierzulande die Frage der offiziellen Farben nicht nur eine ästhetische, sondern auch stets eine politische war.

Ähnlich wie der Weg Deutschlands zum demokratischen Nationalstaat kein allein entscheidendes Datum kennt, erwachsen auch die Ursprünge der deutschen Nationalfarben aus verschiedenen Traditionssträngen.

Landläufig hält sich die Vorstellung, dass die Farben schwarz-rot-gold auf die Studentenbewegung des 19. Jahrhunderts zurückgehen, schmückten doch schwarz-rot-goldene Banner das Wartburgfest. Die Akteure der damaligen Bewegung wiederum hatten den Anspruch, die National-Farben des „Alten Reiches“ aufzugreifen, um diese der deutschen Vielstaaterei ihrer Gegenwart entgegenzustellen. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich hierbei jedoch eher um eine invented tradition, welche das Nationen-Konzept des 19. Jahrhunderts auf das Heilige Römische Reich rückprojizierte. Zwar waren die Farbkombinationen schwarz und rot sowie schwarz und gold (bspw. im schwarzen Adler auf goldenem Grund) durchaus Farben, die im Alten Reich verwendet wurden, sie waren jedoch nicht die Farben des Reichs. Als Staatenkomplex vormoderner Prägung hatte das Reich mit den Insignien Krone, Szepter und Lanze andere Formen staatlicher Symbol-Repräsentation.

Dies hielt die insbesondere in den Napoleonischen Befreiungskriegen an Dynamik gewinnende Nationalbewegung nicht davon ab, sich in diese (vermeintliche) Tradition zu stellen; man denke etwa an die Lützowschen Jäger und ihre schwarz-roten Uniformen mit goldenen Knöpfen.

Spätestens jedoch mit der gescheiterten Revolution 1848 waren schwarz-rot-gold diejenigen Farben, die der autoritären Vielstaaterei als Farben der Freiheit und eines demokratischen deutschen Nationalstaats entgegengestellt wurden. Dementsprechend war es kaum verwunderlich, dass der Norddeutsche Bund 1866 und das 1871 gegründete Kaiserreich unter preußisch-hohenzollernscher Führung schwerlich an diese Farbtradition des Paulskirchenparlaments anknüpfen wollten oder konnten.

Als Alternative dekretierte Bismarck die Farben schwarz-weiß-rot. Im Gegensatz zur bisherigen deutschen Trikolore war diese Kombination zwar geschichtlich „unverbraucht“, konnte aber dennoch durch den Austausch des Edelmetalls (Silber statt Gold) die Farbkombination schwarz-rot beibehalten. Analog zur lakonischen Einführung der neuen deutschen Nationalfarben war auch die Identifikation der Bevölkerung mit der Nationalflagge zunächst kaum ausgeprägt; im Vordergrund standen nach wie vor die regionalen Flaggen. Erst im zunehmenden Nationalismus der Ära Wilhelms II. änderte sich die emotionale Relevanz der schwarz-weiß-roten Flagge. Eine Sedan-Feier ohne schwarz-weiß-rotes Farbenmeer war kaum mehr denkbar.

Als 1918/19 die Monarchie in Deutschland in sich zusammenbrach, wurde dies auch in Form der Nationalflagge symbolisch zum Ausdruck gebracht. Anstelle der alten Flagge sollten nun offiziell schwarz-rot-gold die Farben des Deutschen Reichs werden. Gleichzeitig deuteten sich bereits die Bruchlinien an, unter denen die Weimarer Republik ihr gesamtes Bestehen lang „kränkeln“ sollte: Als Kompromiss mit den Konservativen ließen sich die Sozialdemokratie und das progressive Bürgertum von Seiten der Konservativen abringen, dass die Marine weiterhin schwarz-weiß-rot flaggen sollte. Unter der Präsidentschaft Hindenburgs wurde dies noch insofern verschärft, dass bei offiziellen Staatsanlässen Marine- und Nationalflagge gleichberechtigt nebeneinander hingen. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ der 1920er Jahre korrelierte dementsprechend auch in den deutschen Nationalsymbolen der damaligen Zeit.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde auch die Flaggenfrage neu gestellt. Einerseits zeigte Hitler in Mein Kampf durchaus Sympathie für die „jugendfrische Zusammenstellung“ [ebenda] der Nationalfarben schwarz-rot-gold, allerdings waren diese in seinen Augen inzwischen zu sehr durch Marxismus und Sozialdemokratie „verbraucht“. Doch auch eine reine Rückkehr zur alten Reichsflagge erschien nicht als das passende Symbol für die Bewegung des Nationalsozialismus. Dementsprechend wurde in Artikel 1 und 2 der Nürnberger Gesetze festgelegt: „Die Reichsfarben sind Schwarz-Weiß-Rot.“ (Art. 1) sowie „Reichs- und Nationalflagge ist die Hakenkreuzfahne. […]“ (Art. 2).

Ein ähnliches Phänomen findet sich auch innerhalb der schwarz-rot-goldenen Traditionslinie. Ähnlich wie die Farben schwarz-weiß-rot zwar ursprünglich die Farben des autoritär-monarchischen Nationalstaats waren, anschließend jedoch im Nationalsozialismus nur ikonisch transformiert aufgegriffen wurden, griffen die konservativen Verschwörer um Graf Stauffenberg auf die Farben schwarz-rot-gold zurück. Im Anschluss an den Sturz Hitlers, so der Plan, sollte die nach ihrem Erfinder benannte „Wirmer-Flagge“ zur neuen Nationalflagge werden. Anders als in der „traditionellen“ Trikolore waren die Nationalfarben hier jedoch, ähnlich den skandinavischen Flaggen, in Form eines Philippus-Kreuzes kombiniert. Nach dem Krieg wurde die Wirmer-Flagge noch wenige Jahre von CDU und FDP aufgegriffen, geriet jedoch bald angesichts der erneuten schwarz-rot-goldenen Trikolore mehr oder weniger in Vergessenheit.

So könnte man meinen, dass die Frage der deutschen Nationalflagge inzwischen zu einem Abschluss gekommen ist und sich die schwarz-rot-goldene Trikolore endgültig durchgesetzt hat. Interessanterweise finden jedoch seit einiger Zeit Wirmer-Flaggen auf Pegida-Demonstrationen eine gewisse Renaissance. Auch innerhalb der „Reichsbürger-Bewegung“ wird vermehrt auf die Wirmer-Flagge als Alternative zu bundesrepublikanischen Symbolen zurückgegriffen.

Wenig spricht aktuell dafür, dass es hierüber zu einer erneuten Änderung der deutschen Nationalflagge kommen wird. Andererseits zeigt sich am Beispiel der Wirmerflagge paradigmatisch, wie relevant nach wie vor das Wissen um die Geschichte der deutschen Nationalflaggen ist, um politischen Geschehnissen der Gegenwart fundiert begegnen zu können.

Rituale der Herrschaftseinsetzung

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Rituale der Herrschaftseinsetzung


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

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Autor*innen: Bjarne Lassek, Janka Zündorf & Luis Schäfer


Unter den Augen von Hunderten wird dem neu gewählten König die goldene Krone aufgesetzt. Dann zieht er, von Jubelrufen begleitet, die Straße zum Römer entlang. Zu seinen Ehren wird dort ein luxuriöses Festmahl veranstaltet. Ein Glück, könnte man meinen, hat uns die Aufklärung von solch verschwenderischen Einsetzungsritualen und überkommenen Symbolen befreit! Mit den heutigen schlichten Vereidigungen von Ministern oder Kanzlern hat dies nichts mehr zu tun – aber nur scheinbar. Wie wir bereits in der letzten Sitzung sehen konnten, findet man erstaunliche Parallelen, wenn man die heutigen Amtsübergaben mit der Kaiserkrönung vergleicht. Die Ähnlichkeiten zeigen nicht nur, dass auch in der Gegenwart Herrschaftseinsetzungen rituell durchdrungen sind, sondern auch, dass es eine unmittelbare Tradition zwischen den Ritualen der Vergangenheit und der Gegenwart gibt.

Wir haben uns hier die Frage gestellt, warum es überhaupt ein Ritual benötigt, um einen neuen Herrscher einzusetzen. Darf man nicht davon ausgehen, dass eine gesetzliche Regelung oder eine Urkunde genügen, um den Regierenden in seiner Position zu bestätigen?

Die Ritualforschung erklärt, dass das Ritual einen Zustand der Autoritätslosigkeit überbrücken soll, welcher entsteht, wenn der vorherige Herrscher seine Macht verliert. Dies kann geschehen, wenn er stirbt, abdankt, des Amtes enthoben wird oder seine Amtszeit abgelaufen ist. Die unbesetzte Stelle des Herrschers stellt einen Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung dar, führt zu Unsicherheit und kann damit sogar eine Gefahr für besagte Ordnung darstellen.

Das Ritual strukturiert den Übergang. Es soll den unsicheren Zustand überbrücken und beenden. Dabei geht es vor allem darum, dass die Vorstellungen aller Beteiligten verändert werden – denn nur, weil in einer Urkunde oder in einem Buch steht, wer der neue Herrscher (oder Regierende) ist, heißt es nicht, dass dieser fortan automatisch als solcher wahrgenommen und die neue Ordnung akzeptiert wird. Eine solche Veränderung der Vorstellung gelingt dem Ritual, indem es Zusammenhänge und Übergänge symbolisch darstellt. Für die Gesellschaft bedeutet dies, dass ihre Ordnung bestätigt und soziale Unterschiede als legitim anerkannt werden.

Für die eingesetzte Person bewirkt das eine Veränderung der Vorstellung in zweifacher Hinsicht. Durch das Ritual identifiziert der Herrscher sich mit seiner neuen gesellschaftlichen und sozialen Funktion sowie den damit einhergehenden Rechten und Pflichten. Er fühlt sich seiner neuen Rolle, in die er von nun an schlüpft, verpflichtet. Aber auch die Vorstellungen der anderen Beteiligten von der eingesetzten Person, die das Verhalten zu ihr beeinflussen, werden verändert.

Derartige Ritualelemente finden sich in nahezu allen Einsetzungen der Vormoderne, ob bei der frühneuzeitlichen Kaiserwahl, der mittelalterlichen Papstweihe, der Einsetzung eines Stadtrats oder der Amtseinsetzung eines Universitätsrektors. Der genaue Ablauf ist aber durchaus flexibel und passt sich an die entsprechenden regionalen Gegebenheiten an.

Meist begann das Ritual mit der Beratung und Wahl eines Kandidaten (natürlich größtenteils männlich). Die Wahl war in der Regel geheim und auf einen kleinen Kreis von Wählenden beschränkt. Lediglich das Ergebnis wurde bekannt gegeben. Darauf folgte für gewöhnlich eine Prozession zu einem neuen Ort oder einer neuen Ritualstation. Der Gewählte wurde im Anschluss in ein Gestühl wortwörtlich „eingesetzt“. Das Gestühl war hierbei keine einfache Sitzgelegenheit, sondern es stand sinnbildlich für das Amt, welches übernommen wurde. Es symbolisierte die Beständigkeit des Amtes, welche unabhängig des sterblichen Körpers, der jenes bekleidet, überdauerte. Ähnlich verhält es sich mit den Insignien, welche dem Eingesetzten übergeben wurden. Sie verdeutlichen die Kontinuität des Amtes und erinnern an Recht und Pflichten. Es ist wenig verwunderlich, dass heute noch von „der englischen Krone“ oder „dem Heiligen Stuhl“ gesprochen wird, da diese symbolisch für das jeweilige Amt stehen. Sie statten die Person mit der Bedeutung und Funktion ihres Amtes aus.

Ebenfalls wichtig war das Entkleiden der alten Kleidung und das Bekleiden der neuen. In der vormodernen Zeit war der soziale Stand nicht immer von der politischen Funktion zu trennen. Durch die Kleidung konnte der soziale Stand leicht erkannt werden, und daher war auch streng reguliert, wer welche Kleidung tragen durfte. Der Kleidungswechsel während des Rituals steht also symbolisch für den Übergang in einen neuen sozialen Stand. Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Statuswechsel war der sakrale Kern, der allen Einsetzungsritualen innewohnt. Ein gemeinsamer Gottesdienst oder eine konkrete sakrale Handlung stellte einen Bezug zur Gnade Gottes dar und sollte die Herrschaft durch Gott legitimieren. Den Abschluss des Rituals bildete meist ein gemeinsames Mahl. Die Sitzordnung bei diesem war streng geregelt, da sich die Bedeutung der einzelnen Akteure in ihr widerspiegelt. Außerdem wurden die am Mahl Teilnehmenden von den restlichen Zuschauern des Rituals getrennt. Dadurch entstand unter den Teilnehmenden ein Zugehörigkeitsgefühl, und der neue Amtsinhaber wurde in die Gruppe der teilnehmenden Mächtigen integriert.

Die Gemeinsamkeiten enden nicht im Ablauf, sondern sind selbst in Details zu erkennen. Sogenannte Kernsymbole bezeichnen bestimmte Gesten, Sprachformeln oder Gegenstände, die in diesen Ritualen vorkommen. Diese wurden in sogenannten Ordines (sg. Ordo) festgehalten. Dabei handelt es sich um schriftliche Vorlagen, die vergangene Einzelfälle oder Idealabläufe beschreiben. Für das Gelingen des Rituals war es von zentraler Bedeutung, dass alle Beteiligten eine klare Vorstellung davon hatten, wie das Ritual „richtig“ (und demzufolge: rechtmäßig) zu verlaufen hat.

Seine nachhaltige Wirkmacht entfaltet das Ritual auch durch die Heraushebung aus dem Alltag, die sogenannte Solemnität. Die Herrschaftsrituale zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine alltäglichen Handlungen an beliebigen Orten sind, sondern an wirkmächtigen und dekorierten Plätzen stattfinden.

Auch wenn die Wahlen wie erwähnt geheim waren, war es von großer Bedeutung, dass der Gewählte einmütig verkündet wird. Diese Unanimitas war von großer Bedeutung, da jeder Wahlberechtigte dadurch seine Zustimmung zeigte und im Nachhinein die Wahlentscheidung legitimierte. Es ist also nicht davon auszugehen, dass alle Beteiligten auch tatsächlich gleich gewählt haben, trotzdem bedurfte der zukünftige Herrscher der Zustimmung aller.

Ein weiteres wichtiges Kernsymbol war die Cavalcata. Die Prozession zwischen verschiedenen Ritualstationen war nicht einfach nur eine logistische Angelegenheit, sondern in ihr spiegelte sich die gesellschaftliche Ordnung wider. So war es meist geregelt, wer an welcher Stelle ritt und wie viel Gefolge er dabei mit sich führen durfte.

Auch in heutigen Einsetzungsritualen spielen die genannten Kernsymbole eine wichtige Rolle. Und welche Relevanz diese entfalten können, lässt sich paradigmatisch an der sogenannten „Kemmerich-Affäre“ um den gleichnamigen, kurz nach seiner Vereidigung im Februar 2020 zurückgetretenen Ministerpräsidenten von Thüringen nachvollziehen:

Bis heute findet bei der Ministereinsetzung zunächst eine Wahl statt, bei der ein Kreis von Wahlberechtigten zwischen den Kandidaten wählen kann. Nachdem Kemmerich als Sieger im dritten Wahlgang verkündet wurde und er die Wahl annahm, legte er einen Eid auf die Thüringer Verfassung ab. Der Eid ist in der Thüringer Verfassung festgelegt. Diese legt den generellen Ablauf fest und erfüllt somit eine ähnliche Funktion wie die Goldene Bulle für die Kaiserkrönung, auch wenn in der Verfassung nicht alle Details festgelegt werden, sondern Teile des Rituals aus gelebter Tradition bestehen. (Dazu gehört beispielsweise die Gratulation, aber auch ein formeller Kleidungsstil.) In besagtem Eid findet sich der sakrale Kern wieder, wenn er auch auf einen optionalen Satz am Ende der Eidesformel reduziert ist: „so wahr mir Gott helfe“. Solemnität kommt hierbei durch den symbolischen Ort zustande: Die Amtsübergabe findet im Landtag statt, also dort, wo sich das politische Tagesgeschehen abspielt. Ein besonderes Herausputzen der Örtlichkeit ist zwar nicht zu beobachten, dafür aber eine Fülle an Kameras und Reportern, welche durch die Quantität der Aufnahmen das Geschehene aus dem Alltag herausheben.

Eine Reihe der mittelalterlichen Elemente – wie die Setzung in ein Gestühl, die Insignienübergabe, die Bekleidung mit einem Krönungsmantel und das gemeinsame Mahl – finden sich im thüringischen Einsetzungsritual nicht mehr wieder. Das liegt zum Teil daran, dass die Amtseinsetzung keine veränderte soziale Stellung mehr mit sich bringt, dies muss deshalb auch nicht mehr durch eine aufgewertete Kleidung etc. verdeutlich werden.

Die Prozession hingegen findet – in einer sehr abgewandelten Form – jedoch im Anschluss an den Eid weiterhin statt. Hier schreiten die jeweiligen Fraktionsangehörigen nach vorne, um dem neu Eingesetzten, in unserem Fall Thomas Kemmerich, zu gratulieren. Vergleichbar zur Cavalcata lässt sich hier eine Hierarchie erkennen, denn zunächst gratulieren die Fraktionsvorsitzenden, erst danach folgen die anderen Fraktionsangehörigen. Die politische Ordnung wird so symbolisch hervorgehoben und durch die Beteiligten akzeptiert. Aber es passiert noch etwas weiteres: Durch die Gratulation erfüllen sie das Kernsymbol der Unanimitas. Auch die vielen Abgeordneten, die nicht für den Eingesetzten gewählt haben, machen durch die Gratulation sichtbar, dass sie ihn und seine Regierung akzeptieren.

Gerade die Unanimitas blieb jedoch bei der Einsetzung Kemmerichs dezidiert aus. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, überreichte Kemmerich nicht wie üblich einen Blumenstrauß, sondern warf diesen Kemmerich zu Füßen. Sie brachte darin ihren Protest zum Ausdruck, dass Kemmerich entgegen der bisherigen Ordnungsvorstellungen und vorheriger Absprachen durch die Stimmen der AfD ins Amt gewählt wurde. Sie zeigte dadurch symbolisch, dass sie (oder stellvertetend: die von ihr repräsentierten Teile der Bevölkerung) seine Regierung nur teilweise anerkennen. Das Ausbleiben der Unanimitas wird noch dadurch gesteigert, dass nun parallel zum Amtseid Kemmerichs auch der Blumenwurf durch die Medien geht und dadurch öffentlich gemacht wird.

Nur wenige Tage später wird der Druck auf Kemmerich so groß, dass er zurücktritt. Auch wenn sich der gescheiterte Amtsantritt nicht monokausal auf den Blumenwurf zurückführen lässt, kann dessen Relevanz im Nachhinein jedoch nicht ignoriert werden.

Das Beispiel zeigt, wie viel der vormodernen Einsetzungsrituale noch in unseren modernen Ritualen steckt. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen und unsere eigene Zeit besser zu verstehen. Auch wenn die äußeren Formen der modernen Einsetzungen scheinbar schlicht und unscheinbar gehalten sind, sind sie durchzogen von Symboltraditionen, die nach wie vor kaum an Wirkmächtigkeit eingebüßt haben.


Literatur

  • Jutta GÖTZMANN: Weihen – Salben – Krönen. Die vormoderne Kaiserkrönung und ihre Imagination, in: Spektakel der Macht. Rituale im alten Europa 800-1800, hg. v. Barbara STOLLBERG-RILINGER u.a., Darmstadt 2008, S. 21-25.
  • Dorothee LINNEMANN: Rituale der Einsetzung. „Äußere Formen“, Funktionen und Bedeutung, in: Spektakel der Macht. Rituale im alten Europa 800-1800, hg. v. Barbara STOLLBERG-RILINGER u.a., Darmstadt 2008, S. 68-147.

Frankfurt als Wahl- und Krönungsort

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Frankfurt als Wahl- und Krönungsort


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

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Autorinnen: Anna Kullick & Katharina Stadler


„Das war das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beigewohnt hat. Punkt.“ Diesen Satz sagte Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses, zu einem Ereignis, das wohl vielen von uns im Gedächtnis geblieben ist: die Inauguration Donald Trumps im Jahr 2017. Die Frage der Wirkmächtigkeit und damit auch Legitimation einer Amtseinführung ist eng verbunden mit der kollektiven Erinnerung. Die Inszenierung des Rituals als öffentliches Ereignis ist daher von hoher Relevanz. Doch woher kommt diese Notwendigkeit und wie wird diese umgesetzt? Zur Untersuchung dieser Frage haben wir die Amtseinsetzung Trumps mit dem Frankfurter Krönungsordo verglichen, d.h. des festgelegten Ritualablaufs der Einsetzung als König/Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. In beiden Fällen stehen das „wirkliche“ Ereignis selbst und die ikonische Inszenierung des Geschehens für Gegenwart und Nachwelt in einem Spannungsverhältnis, das zwischen Realismus, imitatorischer Performativität und nachträglicher medialer Bearbeitung changiert. Hierbei spielen sowohl der rituell-öffentliche Ablauf als auch die Bilder, mit denen an das Ereignis erinnert werden soll, eine wichtige Rolle.

In der neue Frankfurter Altstadt erinnert uns der Alte Markt zwischen Dom und Römer noch heute an die Zeit mittelalterlicher Kaiser und Könige. Hier schritt der gerade gekrönte König samt Gefolge zu Fuß zum Römer, um das Krönungsritual im Römer mit einem feierlichen Mahl zu beenden. Seit der Goldenen Bulle von 1356 war Frankfurt Wahlort und seit 1562 auch festgelegter Krönungsort der römischen Könige und Kaiser. Auch der Ablauf des Rituals verlief nach strengen Regeln, die in der Goldenen Bulle festgelegt waren:

Am Krönungstag wurde der neue Herrscher im Dom zunächst befragt, gesalbt, eingekleidet und gekrönt, bevor König und Kaiser gemeinsam nach der Krönungszeremonie den Dom unter 100 Kanonenschüssen verließen, um über den Krönungsweg zum Römer zu gelangen. Trotz der sehr engen Gasse ergab sich für das neue Oberhaupt des Reiches so die Chance der Machtdemonstration. Im Römer wurde im Anschluss daran das Krönungsmahl gefeiert, welches einerseits als feierlicher Abschluss des Krönungsrituals diente, aber andererseits Kaiser und König gleichzeitig die Möglichkeit bot, sich zum ersten Mal in ihrer neuen Position zu repräsentieren. Um die Bedeutung und Wirkkraft des Mahls in ihrer Gesamtheit zu erfassen, muss man aus heutiger Sicht wohl sehr genau hinsehen, denn sogar das streng hierarchische Tafelzeremoniell war ein Spiegelbild der politischen Ordnung des Reiches.

Das gemeine war im Kaisersaal des Römers natürlich nicht anwesend, doch wurde es bei den Feierlichkeiten auch bedacht: Auf dem Marktplatz wurde ein Ochse gefüllt und gebraten sowie Wein ausgeschenkt, um eine große Menge an Menschen in seiner Nähe zu versammeln, deren Zustimmung der neu gewählte und gekrönte Herrscher so erlangte.

Neben dem Ablauf und der Bedeutung der einzelnen Aspekte des Krönungsrituals haben wir uns in unserer Vorbereitung auch mit den Eigenschaften der bildlichen Darstellung beschäftigt. Entscheidend ist dabei vor allem, dass die so genannten Krönungsbilder selten als echte „Dokumente“ des Geschehenen dienten, sondern viel eher eine bestimmte Botschaft oder Sichtweise auf das Ritual und die Teilnehmer übermitteln sollten.

Am Beispiel des Gemäldes „Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer“ von Martin van Meytens aus dem Jahr 1764 wird der inszenierende Charakter besonders deutlich, weshalb wir uns im Zuge unserer Vorbereitung mit diesem Werk auseinandergesetzt haben.

Wenn man ein tatsächliches Foto vom Inneren des Frankfurter Römers mit dem Gemälde von Meytens vergleicht, dann fällt sehr schnell auf, dass der Maler den Festsaal sowohl größer als auch höher dargestellt hat. Der Grund für eine Abbildung dieser Art ist, dass sie erheblich zur Inszenierung und Repräsentation des Kaisers beitrug.

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Gemäldes ist der goldene Baldachin, denn entgegen der Erwartung vieler fallen dem Betrachter nicht als erstes Kaiser und König ins Auge, sondern eben dieses Gebilde. Auch wenn es zuerst merkwürdig scheinen mag, gibt es für dieses Phänomen eine einfache Erklärung: Da die Menschen Kaiser und König zur damaligen Zeit ohnehin nicht nah gekommen sind, lag die Entscheidung, die Gekrönten aus einiger Entfernung und somit kaum erkennbar abzubilden, nah.

Bei einer näheren Betrachtung des Gemäldes sind Linien zu erkennen, die dort beginnen, wo der Baldachin endet, und nach oben verlaufen. Dies weist auf eine Verbindung zum Himmel und somit zu Gott hin, da der Kaiser im damaligen Verständnis der Menschen durch den Willen Gottes in sein Amt erhoben und dadurch legitimiert wurde.

Auch die Barrieren und Verbindungen zwischen dem König und Kaiser und den restlichen Anwesenden sind relevant. Beispielsweise bilden die Treppenstufen und Balken in den Fenstern die deutlichsten Querlinien zur restlichen Ausrichtung des Gemäldes, wodurch eine räumliche Trennung geschaffen wird: Das Machtgefälle zwischen den Gekrönten und den restlichen Anwesenden, wie den Kurfürsten, wird verdeutlicht. Das unterschiedliche Geschirr und die Sitzordnung sowie die Anzahl der Personen an einem Tisch und die erhöhte Stellung der Tafel des Kaisers verstärken diesen Eindruck noch. Zugleich wird jedoch durch die Darstellung des Kaisers und des Königs als Teil der Masse eine Verbindung zu den Anwesenden erschaffen.

Die ausdruckstarke Repräsentation und Inszenierung mag heute auf den ersten Blick fremd und übertrieben wirken. Doch ist das Ganze wirklich so weit entfernt von dem, was wir heute kennen?

In Deutschland mag eine solch pompöse Amtseinsetzung des Staatsoberhauptes fehl am Platz wirken, aber schaut man in Nachbarländer wie Frankreich oder nach Übersee, scheinen die Machtdemonstration und Repräsentation des Amtsinhabers einen höheren Stellenwert einzunehmen. Wer schon mal Fotos oder Videos einer Amtseinsetzung des französischen oder US-amerikanischen Präsidenten gesehen hat, weiß um das Pompöse dieses Rituals. Es handelt sich traditionsgemäß um Inszenierungen der Weitergabe (und Kontinuität) von Macht und um Repräsentationen von Aspekten, die wir bereits im Kontext der Krönung kennengelernt haben (wie Transzendenzbezüge der Herrschaft oder dem komplexen Verhältnis der Herrschenden zum Volk, dessen Teil sie zugleich sind und nicht mehr sind).

Bedenkt man also die Traditionslinien und die verwendete Ritual-Symbolik, wird bereits bei erster Analyse deutlich, dass es sich bei den heutigen zeitgenössischen Ritualen um Transformierungen mittelalterlicher Herrschaftseinsetzungen handelt.

Um diese Verbindung zu verdeutlichen, haben wir unsere Sitzung auf einer Untersuchung der Parallelen und Unterschiede zwischen der besagten Inauguration Donald Trumps 2017 und den idealtypischen Kaiserkrönungen des Alten Reichs aufgebaut. Dabei haben wir uns auf vergleichbare Strukturen, Riten Symbole und Repräsentationen konzentriert.

Fragen wir also zuerst: Wie verläuft denn eigentlich die Inauguration eines US-amerikanischen Präsidenten?

Es war der 20. Januar 2017, als Trump feierlich im Kapitol den Amtseid ablegte. Nach einem Gottesdienstbesuch, der seit 1809 Tradition der Amtseinsetzung ist, wurde um 12 Uhr der Amtseid Trumps auf die Lincoln-Bibel und seine persönliche Kinderbibel geschworen. Die Vereidigung endete traditionsgemäß mit dem 21-Kanonen-Salut, zur Würdigung seines Rangs, bevor Trump seine Antrittsrede hielt. Nach einem anschließenden Mittagessen begann die Cavalcata zum Weißen Haus. Trump und seine Frau Melania wurden dabei von einer Militärparade und zahlreichen Zuschauern, aber auch Demonstranten begleitet, sodass nicht nur Jubelrufe zu hören waren. Sie fuhren aus Sicherheitsgründen den größten Teil des Weges in einem Auto, doch stiegen sie auch aus, um zu Fuß zu gehen, was die Repräsentationskraft des Aktes erhöhte. Drei feierliche Bälle dienten als Abschluss in Inauguration. (Zu den Hintergründen dieser Ritualelemente siehe »Rituale der Herrschaftseinsetzung.)

Das Ganze sah für uns auf den ersten Blick nach althergebrachtem Brimborium aus, auch gerade, weil uns in Deutschland so eine Inszenierung der Amtsinhaber eher fremd erscheint. Doch wenn man sich das Ritual der US-amerikanischen Amtseinsetzung genauer ansieht, fallen doch mehrere bedeutungstragende Elemente auf, die sich mit dem Frankfurter Krönungsordo vergleichen lassen.

Augenfällig sind hier zunächst die Formen von öffentlicher Inszenierung und Machtdemonstration des neuen Amtsinhabers. Die Parade Trumps, das Militär, die Kanonenschüsse und die Bälle unterstreichen die Macht des Präsidenten als Träger des höchsten Amts in den USA und als Oberbefehlshaber des Militärs.

Ähnlichkeiten gibt es ebenfalls in den religiösen Bezügen. Heutzutage sind diese weniger offensichtlich als im mittelalterlichen Krönungsritual. Dennoch gibt es in den US-amerikanischen Ritual, ähnlich wie im Frankfurter Ordo, einen Gottesdienstbesuch des Präsidenten, der die Anerkennung einer übergeordneten göttlichen Ebene verdeutlicht. Im Gegensatz zum mittelalterlichen König inszeniert sich der US-Präsident jedoch ohne Gottesgnadentum.

Welche Relevanz die Partizipation von Publikum am Einsetzungsritual nach wie vor hat, wurde deutlich, als einen Tag nach der Inauguration Trumps vergleichende Bilder zur Amtseinsetzung Obamas im Netz kursierten. Auf diesen zeigte sich, dass mehr Menschen Obamas Amtseinsetzung vier Jahre zuvor beigewohnt hatten. Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses behauptete jedoch, dass bei Trump das größte Publikum aller Zeiten anwesend gewesen sei, was durch die manipulierten Bilder der Menge unterstrichen werden sollte. Hier stellte sich uns nun die Frage, aus welchen Gründen die Zuschauermenge größer dargestellt worden war. Denn Trump wurde schließlich ins Amt gewählt und an diesem Tag offiziell ins Amt eingesetzt. Die Zuschauermenge hat dann doch eigentlich keinen Einfluss, oder?

Bei Trump und auch schon bei mittelalterlichen Königen war die Anwesenheit des Volkes ein aussagekräftiger Faktor der Legitimation des Machthabers, sodass die Menge der anwesenden Zuschauer durchaus für die Inszenierung wichtig ist – und das gilt heute genauso wie in früherer Zeit.

Die Zuschauer drücken durch ihre Anwesenheit ihre Legitimation und Anerkennung gegenüber Trump aus. Die Tatsache, dass seine Amtseinsetzung weniger stark besucht war als diejenige Obamas, lässt sich demnach als Symbol für einen geringeren Rückhalt beim Volk interpretieren. Und dieser Rückhalt ist ebenso für die Legitimation von Herrschaft wichtig wie für ihre Stabilität. Dass überhaupt ein Vergleich zu Obamas Einsetzung im Netz kursierte, belegt die Bedeutung der scheinbaren „Äußerlichkeit“ des Umfangs der jubelnden Masse.

Was nehmen wir nun aus diesem Vergleich mit? Zum einen, dass es sich lohnt, sich trotz aller gefühlten Andersartigkeit historischer Rituale mit ihnen zu beschäftigen. Viele Bedeutungsebenen heutiger Rituale erschließen sich erst, wenn einem die Symbol- und Ritualtraditionen bekannt sind, in die sich das jeweilige Ritual stellt. Und zum anderen wird aus derartigen Vergleichen deutlich, inwiefern sich die unterschiedlichen politischen Systeme auch in der Transformation der mit ihnen verbundenen politischen Inszenierungen ausdrücken.

So anders und exotisch der Krönungsordo der Goldenen Bulle aus dem 14. Jahrhundert also auf uns wirkt – auch und gerade angesichts der methodischen Ähnlichkeiten der Inszenierung zur Inauguration des US-Präsidenten ist er uns näher, als man landläufig vermutet.


Quellen und Literatur

Theater und Politik

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Zur Einführung


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021

Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor*innen: Hoda Alaa, Shams Sami & Felix Rausch


Beim Begriff „Theater“ denkt man an zunächst an Autoren wie Shakespeare und Brecht oder an Menschen in Kostümen, die vor Publikum ein Theaterstück „performen“. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch auch Bereiche des Themenkomplexes „Politik“, bei denen der Übergang zum Theater mehr oder weniger fließend verläuft.

Um diesen Aspekt des Politischen näher auszuleuchten, haben wir aktuelle wie historische politische Ereignisse methodisch aus der Theaterbrille betrachtet. Leitend für unsere Arbeit war hierbei ein doppelter Theaterbegriff: Zum einen der Inszenierungscharakter und zum anderen die Dramatik und Theatralik. Neben der Propaganda in Filmen, bei denen kein Hehl daraus gemacht wird, dass es sich um eine Inszenierung handelt, ist Politik eher als eine „inoffizielle“ Inszenierung zu betrachten. Inszeniert heißt dabei nicht automatisch, dass etwas „unwahr“ ist. Es bedeutet lediglich, dass ein Sachverhalt übertrieben und performativ dargestellt wird, um einzelne Aspekte zu verdeutlichen; so wie im Theater – wo Emotionen und Bewegungen so groß und theatralisch ausgeführt werden müssen, dass selbst in der fünfzehnten Reihe noch alle verstehen, worum es geht.

Politik als Organisation von Gemeinschaft(en) vollzieht sich in unterschiedlichsten Formen. Insbesondere in Krisensituationen kommt dabei kulturübergreifend ein Phänomen zum Tragen, dass in den Kulturwissenschaften als „soziales Drama“ (Victor Turner) bezeichnet wird:

Jede Gemeinschaft und Gesellschaft hat Normen und unausgesprochene Regeln, die als selbstverständlich gelten und die unhinterfragt befolgt werden. Sie verändern sich über die Zeit und unterscheiden sich je nach Kultur und Land. Im Mittelalter wird der Herrscher von Gott auserwählt, im 18. Jahrhundert in England darf man keine Hochzeite am Nachmittag feiern, und im Ndembu-Volk in Afrika muss der neue Herrscher vor seiner Krönung vom Volk gedemütigt werden. Bei seinem Aufenthalt bei ebendiesem Volk kam Victor Turner zu der Erkenntnis, dass Konflikte innerhalb einer Gemeinschaft in der Regel durch das Brechen ihrer Regeln und damit ihrer sozialen Strukturen verursacht werden. Das kollektive Auflösen solcher Konflikte vollzieht sich in einer Form, welche dem klassischen Verlauf eines Dramas sehr ähnelt.

Beginn des sozialen Dramas ist der Bruch einer der grundsätzlichen Regeln seiner Gemeinschaft durch einen Akteur. Dies kann von einem strafrechtlichen Vergehen reichen bis hin zum Infragestellen der Rolle und Aufgaben eines politischen Amtes. Die Folgen dieses Bruchs der sozialen Struktur ist eine offene soziale Krise, in der die Gemeinschaft ihre Struktur hinterfragt und am Ende zu einer Lösung kommt, beispielsweise in der Neuanpassung der gemeinschaftlichen Odnung oder auch im Ausschluss des „Täters“ aus der Gemeinschaft.

In der Klimax, dem Anpassungsprozess, erfolgt die Konfliktlösung des ganzen Geschehnisses. Dieser kann je nach Situation auf unterschiedliche Weise ablaufen: durch eine Rebellion, einen Krieg, eine Gerichtsverhandlung oder durch ein Ritual. In unserer Sitzung haben wir uns insbesondere der rituellen Krisenbewältigung gewidmet: Zunächst wird der Protagonist aus dem Alltag getrennt (Separation), aus seinem vorherigen Leben innerhalb der Gemeinschaft für eine gewisse Zeit ausgeschlossen (Seklusion) und in der Gesellschaft mit einer neuen Identität integriert (Wiedereinführung). Rituale trennen das Alte vom Neuen. Somit ist man im Vergleich zu der Situation vor dem Ritual in einem neuen Zustand.

Während des Rituals befindet man sich in einem Zwischenzustand der Liminalität, im Übergang vom Alten zum Neuen. Diese Phase ist die Phase der Anti-Struktur bei der es keine Ordnung gibt und alle Akteure in Communitas miteinander als Gleiche verbunden sind. Das Verhältnis, das sich bei den Beteiligten während der liminalen Phase bildet, bezeichnet Turner als „Passage“ zwischen den Zeiten vor und nach dem Ritual. Die Rollenverteilung oder die Hierarchie, an der man im Alltag gewöhnt ist, werden hierfür vorübergehend aufgehoben. Dabei werden alle Positionen der Beteiligten gleichgeschaltet. Allgemein kehren sich die Zustände in ihr Gegenteil – man kehrt vom Definierten zum Undefinierten zurück. Anschließend kann der Protagonist von seiner Gemeinschaft wiederaufgenommen oder endgültig ausgestoßen werden.

In unserer Sitzung haben wir das Modell des sozialen Dramas auf den sogenannten „Gang nach Canossa“ angewandt. Das frühe Mittelalter war geprägt durch das kooperative Verhältnis von Kaisertum und Papsttum. Beide gemeinsam, so das gesellschaftliche Grundverständnis, sorgten für Ordnung und unterstützten sich gegenseitig bei ihren jeweiligen Aufgaben. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Kooperation jedoch von beiden Seiten immer wieder neu gedeutet, sodass es zu einer krisenhaften Umstrukturierung der Rolle beider Universalgewalten. Eine der bekanntesten derartigen Momente war der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im 11. Jahrhundert.

Ausgangspunkt war die Frage, wer von beiden den Erzbischof von Mailand ernennen dürfte, der sowohl ein kirchliches Amt ausübte als auch weltliche Herrschaft. Entgegen aller Ermahnungen des Papstes setzte Kaiser Heinrich eigenständig den Erzbischof ein. Als Folge dessen exkommunizierte Gregor Heinrich. Damit schloss er ihn aus der Kirche aus und „verbot“ ihm somit die Herrschaftsausübung. Anders als heute war es im 11. Jahrhundert unvorstellbar, dass ein weltlicher Herrscher ohne religiöse Legitimation herrschte. Sowohl die Rolle des Kaisers als auch des Papstes wurden von der Gegenseite in Frage gestellt. Das bisherige kooperative System erfuhr einen Bruch.

Und was kommt natürlich nach jedem Bruch? Richtig! Die Krise. Der Systemkonflikt entfaltete sich zu einer offenen sozialen Krise, da die Legitimität der Herrschaft des Kaisers offen in Frage gestellt wurde. Es kamen Fragen auf wie: Wie kann ein „von Gott erwählter“ Kaiser nicht Mitglied der kirchlichen Gemeinschaft sein? Und wer ist eigentlich dazu berechtigt, Bischöfe und Reichsäbte einzusetzen? Wo zieht man die Grenze zwischen dem Geistlichen, der Religion, und dem Weltlichen, sprich Politik und Staat?

Die Reichsstände versammelten sich und beschlossen, den verbannten Kaiser abzusetzen und Neuwahlen zu veranstalten, sollte er es bis zu einem festgelegten Termin nicht die Absolution erlangen und damit wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen werden. Heinrich begab sich daraufhin nach Italien, um der Forderung nachzukommen. Um der Begegnung mit Heinrich zu entgehen, zog sich Papst Gregor auf die Burg Canossa zurück.

Bei der Lösung dieses Konflikts lassen sich die Aspekte des sozialen Dramas wie im Brennglas nachvollziehen. Drei Tage lang – so die Quellen – bettelte Heinrich barfuß, weinend in einem Büßergewand gekleidet vor der Burg Canossa im Schnee rituell um Vergebung. Bedenkt mit seinem eigentlichen Status – Heinrich war das nominelle Oberhaupt aller westeuropäischen Herrscher – ist das Auftreten als Büßer eine liminale Nivellierung aller sozialer Ordnung. Erst nach seiner mehrtägigen rituellen Unterwerfung wurde er von Gregor empfangen und erneut in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Folge war sowohl die gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt als auch neu geordnet: Das Reich hatte einerseits wieder einen legitimen Herrscher, das Verhältnis von Kaisertum und Papsttum wurde jedoch in Folge dessen neu auskonfiguriert.


Literatur

  • Gerd ALTHOFF: Rituale – symbolische Kommunikation. Zu einem neuen Feld der historischen Mittelalterforschung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 140-154.
  • Till FÖRSTER: Victor Turners Ritualtheorie. Eine ethnologische Lektüre, in: Theologische Literaturzeitung 128 (2003), S. 703-716.
  • Bernhard LINKE: Politik und Inszenierung in der Römischen Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7 (2006), S. 33-38.
  • Bernd SCHNEIDMÜLLER: Canossa – Das Ereignis, in: Canossa 1077. Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, hg. v. Christoph STIEGMANN / Matthias WEMHOFF, Band 1: Essays, München 2006, S. 36-46.

Propaganda

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Propaganda


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor*innen: Lena Flath & Anna-Franziska Moritz


Die Auseinandersetzung mit Propaganda ist fest im schulischen Geschichtsunterricht verankert: Reden werden nach rhetorischen Mitteln analysiert und deren Intentionen interpretiert; Plakate werden beschrieben, Symbole, Schriftzüge und Farben auf deren Gehalt hin expliziert. Doch welche Medien werden sonst noch zu Propagandazwecken verwendet? Wo finden wir Rituale innerhalb der Propaganda? Welches Medium ist am besten geeignet, um ein möglichst großes Publikum zu indoktrinieren?

Wir haben uns mit der Propaganda im Dritten Reich anhand des filmischen Materials aus Triumph des Willens beschäftigt. Grundlegend für unsere Arbeit waren Texte von Kristina Oberwinter, die sich mit der Repräsentation und Produktion von Emotionen des besagten Films von Leni Riefenstahl befasst hat. Diesbezüglich haben wir uns vor allem mit der Inszenierung des Politischen und dem Film als Propagandamedium, Gestaltungsmitteln des Films, der Erzeugung von Emotionen und der Wirkung von Masseninszenierungen auseinandergesetzt.



Um uns die Denkweisen der damaligen Zeit hineinversetzen zu können, haben wir uns innerhalb der Sitzungsvorbereitung mit Walter Benjamins Definition der Ästhetisierung von Politik und Le Bons Werk Psychologie der Massen (1895) beschäftigt.

Für Benjamin, einem wichtigen deutschen Philosophen und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts, war die Ästhetisierung von Politik eng verbunden mit dem Phänomen des Faschismus: Der Faschismus versuche, die Forderung nach der Beseitigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse durch die Verwendung von ästhetischen Mitteln zu verhindern. Der Scheincharakter der sozialen Harmonie benötige demnach ein ästhetisches Ausdrucksmittel in der Öffentlichkeit, um symbolhaft zu erfüllen, was real versagt worden sei. Die permanente Inszenierung sei somit für die Stabilität des Regimes unerlässlich, um von der sozialen und politischen Wirklichkeit und den inhärenten Widersprüchen innerhalb des Systems abzulenken.

Le Bon wiederum, ein französischer Psychologe, Soziologe und Anthropologe, ging davon aus, dass Individuen innerhalb der Masse auf eine gefühlsbetonte, irrationale Entwicklungsstufe zurückfallen, innerhalb welcher sie animalische Eigenschaften entwickeln würden. Der Mensch innerhalb der Masse sei naiv, leicht empfänglich, manipulierbar und handele triebbedingt wegen ihres mangelnden Urteilsvermögens. Aufgrund der vorausgegangenen Aspekte und der Tatsache, dass die Masse nur bildlich denken könne, würde sich die visuelle Ebene anbieten, um die Massen zu beeinflussen.

Nach der Klärung unserer theoretisch-methodischen Grundlagen wandten wir diese in einem zweiten Schritt an, genauer gesagt in der Untersuchung der ästhetischen Verschränkung von Medium und Ideologie des NS-Propagandafilms Triumph des Willens. Was macht diesen Film so besonders? Die Antwort hierauf vollzieht sich auf mehreren Ebenen.

Zunächst spricht der Film alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen an. Generell ist die emotionale Wirkung intensiver und dauerhafter, sofern der Film von einem Massenpublikum gemeinsam geschaut wird. Ebenso erfolgt eine ideologische „Betäubung“ der Massen.

Das Medium dient einerseits als Flucht aus dem Alltag, täuscht Freiheit und Wohlbefinden vor, fördert den Optimismus, aber erzeugt andererseits auch eine erzieherische Wirkung und eine Ausübung von emotionalem Druck. Durch die Simulation von Emotionen kommt es zur Unterdrückung des Intellekts der Zuschauer.

Prinzipiell dient das Kino als Ort der Suggestion, da der Film eine Illusion fördert. Es wird ein verändertes Zeit- und Raumgefühl erzeugt, das ein intensives Körpererlebnis vermittelt. Gründe dafür sind, dass die Sehweise des Menschen durch den Film vertieft und erweitert wird. Zudem ermöglichen die Einstellungsgrößen der Kamera eine Isolation, Integration, Relativierung oder Verabsolutierung der Bildobjekte. Ebenso werden rezeptive Mechanismen emotionaler Identifikation und einfühlender Verhaltensweisen ausgelöst.

Der Film dient somit als Mittel der Imagination und projiziert einer Scheinwelt. Durch die räumliche Situation entsteht eine hohe Bereitschaft für die emotionale und psychische Identifikation mit dem Filminhalt.

Aus heutiger Sicht stellt man sich jedoch die Frage, was das Besondere ein einem einzigen Kinofilm sein soll. Hierbei ist zu bedenken, dass Kinofilme zur Zeit des Faschismus noch ein relativ neues Phänomen darstellten und die Mehrheit des Publikums dementsprechend eine relativ unreflektierte Zuschauerrolle einnahm. Filmische Stilmittel, die uns heute selbstverständlich erscheinen, waren in den 1930ern noch ein Novum. Auch der Gang ins Kino war weniger individualisiert als heute und wurde als explizites Gemeinschaftserlebnis inszeniert.

Generell wird durch den Kontrast aus Licht (Leinwand) und Dunkelheit (Saal) ein absoluter Fokus erzeugt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Durch die räumliche Situation kann eine emotionale Identifikation erleichtert werden. Insbesondere im Dritten Reich galt das Kino als wichtigstes Massenmedium. Es sollten vor allem Emotionen transportiert werden.



Innerhalb des Films positionierte Leni Riefenstahl die Kamera so, dass nicht Hitler, sondern „das Volk“, vertreten durch die dargestellten Menschen(massen), im Mittelpunkt stand. Die Perspektive wurde so gewählt, als würde das Publikum selbst hinter den dargestellten Personen stehen. In einem vollgefüllten Kinosaal wurde eine Verlängerung der Masse auf der Leinwand durch die Menschen im Kinosaal erzeugt, wodurch das Publikum das Gefühl bekommen konnte, selbst Teil der abgebildeten Masse zu sein. Damit wurde eine Realität vorgetäuscht, die zugleich die Begeisterung der abgebildeten Massen auf das Kinopublikum zu übertragen in der Lage war, so dass man sich gut vorstellen kann, wie einige Zuschauer sich der dargestellten Begeisterung anschließen und selbst den Hitlergruß ausführen.

Doch woher kam diese Begeisterung dafür, Teil einer Masse zu sein? Woher entstand die Sehnsucht nach Bindung und Gemeinschaft in den späten Jahren der Weimarer Republik und den Anfangsjahren des NS-Regimes?

Wir sehen die Wirkung von Triumph des Willens innerhalb des NS-Propaganda eng verbunden mit der historischen Ausgangssituation: Kaiserabdankung, Kriegsniederlage und Revolution hatten die deutsche Bevölkerung nachhaltig geprägt und in eine Depression gestürzt. Wirtschaftskrise, Inflation und folgende Massenarbeitslosigkeit führten zur Existenzunsicherheit. Zudem mündeten Industrialisierung und Technisierung in der Entwurzelung des Individuums, da gesellschaftliche Bindungen erloschen. Beunruhigend war ebenso der ständige Regierungswechsel und dass sich keine absolute Mehrheit mehr finden ließ (Splitterparteien). Insgesamt gesehen kam es aufgrund der aufgeführten Aspekte zur Desillusionierung und Verunsicherung, wodurch die Forderungen nach emotionalem Halt und ästhetischem Ausgleich, um die bestehende Misere zu verdecken immer größer wurden. Die Gesellschaft und das politische System befanden sich in einer tiefen Krisensituation.

Der Nationalsozialismus versuchte, diese Krise durch das Führersystem zu lösen – mit Adolf Hitler an der Spitze, auf den „das Volk“ (verstanden im Sinne des Weberschen Charismakonzepts) seine Hoffnungen und Sehnsüchte projizieren konnte. Hitler selbst war allerdings vom Volk ebenso abhängig, weswegen er stets darauf achten musste, den Wünschen des Volks gerecht zu werden, um seine Macht zu legitimieren.

Das Volk hatte sich im Laufe der Zeit immer mehr den Anforderungen und Gesetzgebungen Hitlers anzupassen, sodass der individuelle Spielraum immer geringfügiger wurde und kleinste Verstöße große Strafen nach sich zogen. Die NS forderte Opferbereitschaft und Hingabe und bot im Gegenzug Annehmlichkeiten wie Konsumgüter und Nahrungsmittel. Es wurde demnach nicht nur durch Zwang, sondern auch durch den Appell an das Imaginäre regiert.

Bedenkt man diese Rahmenbedingungen, wird deutlich, welche Relevanz die Emotionalität der filmischen Erzählung Riefenstahls hatte. Der Film gibt bestimmte Adäquatheitsregeln vor, die das kollektive Gefühlsleben steuern sollten. Wie innerhalb eines Modells gibt der Film wieder, welche Emotionen gesellschaftlich akzeptiert waren und welche besser unterlassen werden sollten. Zur Stabilisierung und Popularisierung des Systems fungierte die Darstellung von Euphorie. Es erfolgte somit eine Nationalisierung des Gefühlslebens, die auf der Gleichschaltung von subjektiven und nationalen Interessen basierte. Durch den Film wurden Gemeinschaftsfremde und „Volksfeinde“ auch emotional stigmatisiert. Parteitage wurden als heterotopische Räume auch für die Filmzuschauer erlebbar, in denen die Ideologie des NS als realisiert veranschaulicht wurde.

Ein dritter zentraler Aspekt für das Besondere an Triumph des Willens ist die inszenierte symbolisch-rituelle Verschränkung von Akteuren und Zuschauern. Rituale bringen Machtverhältnisse zum Ausdruck und erzielen eine formale Betonung expliziter Bedeutungsinhalte. Innerhalb von Triumph des Willens wird die Ideologie in motorische Aktivitäten transformiert, wodurch geordnete Massen geformt werden konnten und die Beteiligten einen Raum für Anspannung und das Erfassen körperlicher Leitwerte erhielten. Der kollektive Rhythmus erschuf Gemeinschaftserlebnisse und verdeutlichte sowohl für Beteiligte als auch für Zuschauer sinnlich, dass sie Teil eines Kollektivs waren. Es sollte eine gemeinsame Wirklichkeit etabliert werden, die gemeinsame Formen der Selbst- und Weltwahrnehmung enthielt. Demnach sollten performative Rituale ein spezifisches Wissen samt Verhaltensdispositionen erwecken und mobilisieren.

Innerhalb des Rituals fanden sich die Beteiligten symbolisch zu einer gemeinsamen Aktivität zusammen, wodurch der Fokus auf die gemeinsamen Interessen als Grundlage der Verbundenheit fiel. Das Ritual forderte die Angleichung der eigenen Meinung an die herrschende Meinung, wodurch Befriedigung und Freude entstanden. Die gemeinsame Aktivität ließ das Individuum Teil eines großen Ganzen werden, wobei gesellschaftliche Zuordnungen etc. in den Hintergrund rückten. Im Vordergrund stand die kollektiv erbrachte Leistung, die die Teilnehmer mit Stolz und Befriedigung erfüllte.



In Triumph des Willens wurden insbesondere Choreographien rituell inszeniert. Auf den Zuschauer wirken hierbei Schönheit, Schnelligkeit, Synchronizität und Kraftfülle einer Bewegung ansteckend, können mitreißen oder disziplinieren. Hierbei wurde die emotionale Selbstständigkeit des Individuums zugunsten seiner Integration in das Motiv der Masse aufgehoben. Als Ziel galt es ein Emotionskollektiv zu erschaffen: Die formierte Masse und der Zuschauer sollten sich gegenseitig erheben. Die Begeisterung des Publikums bekräftigte das Dargestellte und ließ viele Vorgänge erst sinnhaft wirken.

Innerhalb unserer Sitzung bekamen die anderen Kursteilnehmer*innen mehrmals den Auftrag, sich in die Rolle eines Diktators / einer Diktatorin zu versetzen, der/die gerne einen Propagandafilm drehen würde. Hierbei sollte analysiert werden, wie gut sich unsere Erkenntnisse auf die die Verfahren und Besonderheiten des Mediums Film abbilden ließen. Dazu haben wir sowohl Filmsequenzen wie Standbilder herangezogen, um uns deren Gestaltungselemente und vermutete Intentionen zu erarbeiten.

Zuletzt haben wir den Film mit anderen Medientypen von Propaganda (visuelle und Audio-Medien, Internet, Kunst und Literatur, Reden) verglichen und deren Stärken und Schwächen für die Indoktrination einer großen Masse diskutiert.


Quellen und Literatur

  • Triumph des Willens (1935, Regie: Leni RIEFENSTAHL, 114 min.), Fassung der Film Preserve: https://archive.org/details/iradeninzaferitriumphdeswillenstriumphofthewillturkcealtyazili
  • Martin LOIPERDINGER: Rituale der Mobilmachung. Der Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl, Opladen 1987.
  • Frank MÖLLER: Zur Theorie des charismatischen Führers im modernen Nationalstaat, in: Charismatische Führer der deutschen Nation, hg. v. F.M., München 2004, S. 1-18.
  • Kristina OBERWINTER: Bewegte Bilder. Repräsentation und Produktion von Emotionen in Leni Riefenstahls Triumph des Willens, München 2007.

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Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

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Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autoren: Peter Gorzolla & Moritz Nocher


Der reguläre Arbeitsprozess im Geschichtskurs lässt sich in drei Phasen einteilen, die auch im Corona-Jahr 2020 zur Anwendung kamen:

Zunächst war es notwendig, eine terminologische und methodologische Grundlage für alle Kursteilnehmer*innen zu schaffen, damit die Kursteilnehmer*innen später möglichst eigenständig wissenschaftspropädeutisch arbeiten konnten. Ausgangspunkt war für uns in diesem Jahr das Einleitungskapitel des Handbuchs Rituale der Historikerin Barbara Stollberg-Rillinger (siehe »Inhaltliche Einführung), welches sich die Schüler*innen, angeleitet von ihren studentischen Betreuer*innen, über mehrere Wochen hinweg während des Frühjahrs inhaltlich erschlossen. Um hier eine angemessene und effektive Unterstützung sicherzustellen, wurde der Text zuvor von Kursleitung und Betreuer*innen didaktisch aufbereitet.

In der nächsten, mehrmonatigen Phase bildeten wir Teams aus je zwei Schüler*innen unter Betreuung einer*s Studierenden, die sich jeweils mit einem ausgewählten Spezialthema auseinandersetzten. Ziel der Arbeitsgruppen war es zum einen, die theoretische Grundlage der ersten Phase an einem konkreten Beispiel inhaltlich zu vertiefen, und zum anderen, dieses Spezialthema für den Rest des Kurses aufzubereiten.

Der Höhepunkt unserer Arbeit war die dritte Phase, d.h. die knapp zwei Wochen der „eigentlichen“ Akademiezeit im August – üblicherweise auf Burg Fürsteneck, in diesem Jahr jedoch ausschließlich online. Eingeleitet von Einführungssitzungen der Kursleitung erhielten hier die Teams die Gelegenheit, eine eigene Sitzung zu gestalten und den Rest des Kurses an ihren Ergebnissen und Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Dabei waren die Sitzungen keineswegs als Abfolge von Referaten oder Präsentationen, sondern nach dem Prinzip „Lernen durch Lehren“ gestaltet: Die Schüler*innen konnten sich als Lehrende ausprobieren, indem sie „ihre“ Sitzung für den Gesamtkurs gemeinsam mit ihrer*m Betreuer*in zu planen, vorzubereiten und durchzuführen hatten. Die Kursleitung diente dabei mit Beratung im Vorfeld, Begleitung im Hintergrund und Evaluation im Nachhinein gewissermaßen als „didaktische Qualitätssicherung“.

Was nun die konkrete Umsetzung dieses Plans im Rahmen des #hsaka barcamp 2020 betrifft, so war es natürlich nötig, im digitalen Raum neue Wege zu gehen. Trotz erheblicher Anpassungen unseres Gesamtkonzepts gingen wir mit einigen Unsicherheiten in die Schlussphase der gemeinsamen Arbeit – und waren sehr angenehm berührt davon, dass sich unsere Befürchtungen nicht bestätigten: Die veränderten digitalen Arbeitsbedingungen wirkten sich nicht oder nur kaum negativ auf die Arbeitsweisen und Ergebnisse des Kurses aus.

So haben wir beispielsweise die Zahl der regulären Kurssitzungen massiv reduziert, um einer möglichen Überforderung und Überarbeitung entgegenzuwirken. Die so gewonnenen Freiräume wurden in werkstattartige Angebote umgewandelt, deren Besuch freiwillig war. Diese Option wurde von etwa zwei Dritteln der Kursteilnehmer*innen in Anspruch genommen.

Daneben haben wir die Ansprüche für die Vor- und Aufbereitung von Materialien für den Sommer im Umfang reduziert. Einzige Vorgabe für die Teams, die anderen Kursteilnehmer*innen auf das eigene Thema vorzubereiten, war das Erstellen eines frei zu wählenden Medienprodukts. Hier entstanden kurze Videoclips oder Audiobeiträge, Online-Tests und Arbeitsblätter, die kurz vor der Akademie zur Verfügung gestellt wurden.

Auch für die Online-Sitzungen über Zoom haben wir im Vorfeld alle Beteiligten darauf eingestellt, die Dichte und Intensität des Programms niedriger anzusetzen. Die Teilnehmer*innen haben es uns gedankt, indem sie die entstandenen Freiräume nutzten, um sich intensiv auszutauschen – vor allem aber auch, um sich gegenseitig gut zuzuhören. Diese Förderung eines „besseren Zuhörens“ ist mit Sicherheit ein positiver Nebeneffekt des ansonsten oft Spontaneität unterdrückenden Videochat-Szenarios.

Das intensive, motivierte und gut vorbereitete „Miteinander sprechen“ in Gruppenphasen, das schon im regulären Geschichtskurs das Herzstück der meisten Sitzungen ausmachte, stand auch bei der digitalen Umsetzung dieses Jahres im Mittelpunkt des Geschehens. Die Kurszeit teilte sich etwa gleichermaßen in Breakout-Sessions und Plenums-Situationen auf. Die oft gebotenen Gelegenheiten für den ausführlichen Austausch auf Augenhöhe bezeichneten unsere Kursteilnehmer*innen in ihrem Feedback als deutlichsten qualitativen Vorzug dieses Kurses im Vergleich zu ihrer digitalen Schulerfahrung im Sommerhalbjahr 2020.

Ansonsten ist unbedingt zu erwähnen, dass es uns unter den Herausforderungen dieser besonderen Situation noch wichtiger als sonst erschien, jeden Tag die persönliche Ansprache zu suchen und das Gelingen des Kurses zu einer partizipativen Aufgabe zu erklären: mit einem Bekenntnis zur Fehlerkultur, mit regelmäßigem Feedback zum bisher Erlebten, mit kontinuierlichen Einladungen an alle Beteiligten, den Kurs gemeinsam besser zu machen.

Unsere Lehren kurzgefasst: klare methodische Grundlagen, weniger „Stoff“, weniger Druck, Qualität statt Quantität, mehr Freiräume, mehr Austausch, mehr Partizipation – so kommt man durch den Corona-Sommer.

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Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Zur Einführung


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor: Moritz Nocher


Unser Leben ist durchzogen von Ritualen. Manche gestalten wir bewusst, andere wiederholen oder verwenden wir, obwohl sie uns scheinbar inhaltsleer vorkommen. Bei anderen wiederum kann es zu tiefen sozialen Zerwürfnissen kommen, falls sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend „korrekt“ durchgeführt werden; man denke etwa an die familiäre Gestaltung des Weihnachtsfestes.

Der diesjährige Geschichtskurs hatte es sich zum Ziel gesetzt, gegenwärtige und historische Rituale zu analysieren, zu dekonstruieren und auf diese Weise Bedeutungsebenen und Wirkmächtigkeiten freizulegen, derer wir uns bei einer oberflächlichen Betrachtung oft nicht bewusst sind. Wir haben uns dabei sowohl mit den theoretischen Konzepten von Symbol, Ritual und Repräsentation näher auseinandergesetzt als auch wichtige Rituale und Symbole der Gegenwart in ihrem Spannungsfeld zwischen bewusstem Aufgreifen von Traditionen und klarer Abgrenzung zur Vergangenheit entschlüsselt.

Wie wenige andere Wissenschaften stehen die Geschichts- und Kulturwissenschaften vor der Herausforderung, dass sie mit (Fach-)Begriffen hantieren, die auch in der Alltagssprache existieren, dort jedoch eine andere Semantik haben. Auch der Themenkomplex „Ritual – Symbol – Repräsentation“ ist hiervon betroffen. Während der Begriff „Ritual“ im Alltag allgemein für die Wiederholung von Handlungen verwendet wird, beispielsweise in der Beschreibung der individuellen Handlungsabfolge im Badezimmer als „Morgenritual“, ist der geschichtswissenschaftliche Terminus deutlich komplexer:

„Als Ritual im engeren Sinne wird (…) eine menschliche Handlungsabfolge bezeichnet, die durch Standardisierung der äußeren Form, Wiederholung, Aufführungscharakter, Performativität und Symbolizität gekennzeichnet ist und eine elementare strukturbildende Wirkung besitzt.“ [Stollberg-Rillinger, 9]

Rituale sind demnach konstitutiv für soziale Strukturen; manche Forscher gehen sogar so weit zu sagen, dass Gemeinschaften nur durch und mit Ritualen Bestand haben können. Doch was macht Rituale so besonders? Es lassen sich sechs zentrale Eigenschaften ausmachen:

  • Rituale stehen in einem permanenten Spannungsfeld aus Tradition und Veränderung: Sie sind geformt und wiederholen sich in gleichen oder ähnlichen standardisierten Formen; gleichzeitig sind sie jedoch veränderbar und werden über die Zeit hinweg immer wieder neu adaptiert.
  • Rituale sind zeitlich, räumlich und sozial gekennzeichnet. Die jeweiligen Akteure und Handlungen, aber auch die Zuschauer, heben sich aus dem Alltag heraus.
  • Rituale sind symbolisch, d.h. sie weisen über sich selbst hinaus auf einen größeren sozialen Ordnungszusammenhang einer Gemeinschaft. In ihnen verdichten sich nonverbal Ordnungsprinzipien, Grenzen, Weltbild und Identität der betroffenen Gemeinschaft.
  • Rituale haben performativen Charakter; sie sagen nicht nur etwas, sie tun Rituale stiften Zäsuren zwischen einem „Vorher“ und einem „Nachher“ und verpflichten die Teilnehmenden auf das von ihnen öffentlich symbolisch Zugesagte.
  • Gemeinsam vollzogene Rituale erzeugen in den Beteiligten bestimmte Gefühle. Auf diese Weise bilden Rituale nicht nur deskriptiv ein Wirklichkeitsmodell ab, sondern beeinflussen präskriptiv die Zukunft.
  • Rituale entfalten eine elementare, sozial strukturbildende Wirkung, indem sie den einzelnen Akt in ein kollektives, überindividuelles Strukturmuster einordnen; beispielsweise stellen sie die Betroffenen in eine größere Ordnung hinein und stützen so ihre Existenz.

Diese sechs Eigenschaften zogen sich wie ein roter Faden durch das Programm des Kurses und wurden von den einzelnen Arbeitsgruppen jeweils an Spezialthemen neu „ausgeleuchtet“ und beispielhaft nachvollzogen.


Literatur

Als gemeinsame Arbeitsgrundlage für alle Teams und Kurseinheiten diente:

  • Barbara STOLLBERG-RILINGER: Rituale (= Campus Historische Einführungen 16), Frankfurt/New York 2013, S. 1-43 [= Einleitung].

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Webfassung

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)


Warum wird traditionell die Braut von ihrem Vater zum Altar geführt? Wieso werden Politiker „vereidigt“? Wieso entfaltet reine Symbol- und Repräsentations-Politik oftmals eine so große Wirkmächtigkeit? Und wieso gibt man sich zur Begrüßung eigentlich die Hand? Viele Zeichen, Gesten, und Symbole, die für uns heute scheinbar selbstverständlich sind, erschließen sich in ihrer Funktion erst, wenn man sich der Tradition bewusst wird, in die sie gestellt werden.

Die Zusammensetzung von Gruppen und ihr organisiertes Zusammenleben sind untrennbar verbunden mit Symbolik. Dies gilt für viele (scheinbar) kleine Gesten des gesellschaftlichen Zusammenlebens genauso wie für Herrschaftsrituale im Großen. Öffentlich-repräsentative Handlungen, die auf den ersten Blick scheinbar sinnlos wirken, haben oftmals eine tiefe Bedeutung – bis hin zur Visualisierung der grundlegenden Staatsidee. Nicht umsonst hätte Karl der Große im Nachhinein lieber auf seine Kaiserkrönung verzichtet; nicht umsonst hat der heute gefeierte Kniefall Willy Brandts damals zu einem Aufschrei der Entrüstung geführt. Und wieso musste Obama eigentlich seinen Amtseid wiederholen, damit er Präsident werden konnte?


Kursleitung


Dr. Peter Gorzolla, Wiss. Referent am Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Moritz Nocher, Lehrer für Geschichte, Ev. Religion und Französisch


Übersicht / Inhalt dieses Dokumentationsteils