Nationalfarben

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Nationalfarben


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021

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Autor*innen: Talita Pickl, Nele von Ohlen & Linus Ehle


Die offiziellen Farben der Bundesrepublik sind schwarz-rot-gold. Anders als viele andere Nationen hat Deutschland jedoch keine einheitliche Nationalfarben-Tradition. Während beispielsweise die Niederlande seit dem 16. Jahrhundert und Frankreich seit der Französischen Revolution auf eine Trikolore als Nationalsymbol zurückblicken können, gibt es in der jüngeren deutschen Geschichte eine vielfältige Abfolge an offiziellen Nationalflaggen und -farben. Wie kommt es dazu, dass sich Deutschland diesbezüglich deutlich von den Traditionen der meisten unserer Nachbarländer unterscheidet?

In unserer Arbeitsgruppe haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie es zur Flagge des heutigen Deutschlands kam und inwiefern hierzulande die Frage der offiziellen Farben nicht nur eine ästhetische, sondern auch stets eine politische war.

Ähnlich wie der Weg Deutschlands zum demokratischen Nationalstaat kein allein entscheidendes Datum kennt, erwachsen auch die Ursprünge der deutschen Nationalfarben aus verschiedenen Traditionssträngen.

Landläufig hält sich die Vorstellung, dass die Farben schwarz-rot-gold auf die Studentenbewegung des 19. Jahrhunderts zurückgehen, schmückten doch schwarz-rot-goldene Banner das Wartburgfest. Die Akteure der damaligen Bewegung wiederum hatten den Anspruch, die National-Farben des „Alten Reiches“ aufzugreifen, um diese der deutschen Vielstaaterei ihrer Gegenwart entgegenzustellen. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich hierbei jedoch eher um eine invented tradition, welche das Nationen-Konzept des 19. Jahrhunderts auf das Heilige Römische Reich rückprojizierte. Zwar waren die Farbkombinationen schwarz und rot sowie schwarz und gold (bspw. im schwarzen Adler auf goldenem Grund) durchaus Farben, die im Alten Reich verwendet wurden, sie waren jedoch nicht die Farben des Reichs. Als Staatenkomplex vormoderner Prägung hatte das Reich mit den Insignien Krone, Szepter und Lanze andere Formen staatlicher Symbol-Repräsentation.

Dies hielt die insbesondere in den Napoleonischen Befreiungskriegen an Dynamik gewinnende Nationalbewegung nicht davon ab, sich in diese (vermeintliche) Tradition zu stellen; man denke etwa an die Lützowschen Jäger und ihre schwarz-roten Uniformen mit goldenen Knöpfen.

Spätestens jedoch mit der gescheiterten Revolution 1848 waren schwarz-rot-gold diejenigen Farben, die der autoritären Vielstaaterei als Farben der Freiheit und eines demokratischen deutschen Nationalstaats entgegengestellt wurden. Dementsprechend war es kaum verwunderlich, dass der Norddeutsche Bund 1866 und das 1871 gegründete Kaiserreich unter preußisch-hohenzollernscher Führung schwerlich an diese Farbtradition des Paulskirchenparlaments anknüpfen wollten oder konnten.

Als Alternative dekretierte Bismarck die Farben schwarz-weiß-rot. Im Gegensatz zur bisherigen deutschen Trikolore war diese Kombination zwar geschichtlich „unverbraucht“, konnte aber dennoch durch den Austausch des Edelmetalls (Silber statt Gold) die Farbkombination schwarz-rot beibehalten. Analog zur lakonischen Einführung der neuen deutschen Nationalfarben war auch die Identifikation der Bevölkerung mit der Nationalflagge zunächst kaum ausgeprägt; im Vordergrund standen nach wie vor die regionalen Flaggen. Erst im zunehmenden Nationalismus der Ära Wilhelms II. änderte sich die emotionale Relevanz der schwarz-weiß-roten Flagge. Eine Sedan-Feier ohne schwarz-weiß-rotes Farbenmeer war kaum mehr denkbar.

Als 1918/19 die Monarchie in Deutschland in sich zusammenbrach, wurde dies auch in Form der Nationalflagge symbolisch zum Ausdruck gebracht. Anstelle der alten Flagge sollten nun offiziell schwarz-rot-gold die Farben des Deutschen Reichs werden. Gleichzeitig deuteten sich bereits die Bruchlinien an, unter denen die Weimarer Republik ihr gesamtes Bestehen lang „kränkeln“ sollte: Als Kompromiss mit den Konservativen ließen sich die Sozialdemokratie und das progressive Bürgertum von Seiten der Konservativen abringen, dass die Marine weiterhin schwarz-weiß-rot flaggen sollte. Unter der Präsidentschaft Hindenburgs wurde dies noch insofern verschärft, dass bei offiziellen Staatsanlässen Marine- und Nationalflagge gleichberechtigt nebeneinander hingen. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ der 1920er Jahre korrelierte dementsprechend auch in den deutschen Nationalsymbolen der damaligen Zeit.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde auch die Flaggenfrage neu gestellt. Einerseits zeigte Hitler in Mein Kampf durchaus Sympathie für die „jugendfrische Zusammenstellung“ [ebenda] der Nationalfarben schwarz-rot-gold, allerdings waren diese in seinen Augen inzwischen zu sehr durch Marxismus und Sozialdemokratie „verbraucht“. Doch auch eine reine Rückkehr zur alten Reichsflagge erschien nicht als das passende Symbol für die Bewegung des Nationalsozialismus. Dementsprechend wurde in Artikel 1 und 2 der Nürnberger Gesetze festgelegt: „Die Reichsfarben sind Schwarz-Weiß-Rot.“ (Art. 1) sowie „Reichs- und Nationalflagge ist die Hakenkreuzfahne. […]“ (Art. 2).

Ein ähnliches Phänomen findet sich auch innerhalb der schwarz-rot-goldenen Traditionslinie. Ähnlich wie die Farben schwarz-weiß-rot zwar ursprünglich die Farben des autoritär-monarchischen Nationalstaats waren, anschließend jedoch im Nationalsozialismus nur ikonisch transformiert aufgegriffen wurden, griffen die konservativen Verschwörer um Graf Stauffenberg auf die Farben schwarz-rot-gold zurück. Im Anschluss an den Sturz Hitlers, so der Plan, sollte die nach ihrem Erfinder benannte „Wirmer-Flagge“ zur neuen Nationalflagge werden. Anders als in der „traditionellen“ Trikolore waren die Nationalfarben hier jedoch, ähnlich den skandinavischen Flaggen, in Form eines Philippus-Kreuzes kombiniert. Nach dem Krieg wurde die Wirmer-Flagge noch wenige Jahre von CDU und FDP aufgegriffen, geriet jedoch bald angesichts der erneuten schwarz-rot-goldenen Trikolore mehr oder weniger in Vergessenheit.

So könnte man meinen, dass die Frage der deutschen Nationalflagge inzwischen zu einem Abschluss gekommen ist und sich die schwarz-rot-goldene Trikolore endgültig durchgesetzt hat. Interessanterweise finden jedoch seit einiger Zeit Wirmer-Flaggen auf Pegida-Demonstrationen eine gewisse Renaissance. Auch innerhalb der „Reichsbürger-Bewegung“ wird vermehrt auf die Wirmer-Flagge als Alternative zu bundesrepublikanischen Symbolen zurückgegriffen.

Wenig spricht aktuell dafür, dass es hierüber zu einer erneuten Änderung der deutschen Nationalflagge kommen wird. Andererseits zeigt sich am Beispiel der Wirmerflagge paradigmatisch, wie relevant nach wie vor das Wissen um die Geschichte der deutschen Nationalflaggen ist, um politischen Geschehnissen der Gegenwart fundiert begegnen zu können.

Rituale der Herrschaftseinsetzung

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Rituale der Herrschaftseinsetzung


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

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Autor*innen: Bjarne Lassek, Janka Zündorf & Luis Schäfer


Unter den Augen von Hunderten wird dem neu gewählten König die goldene Krone aufgesetzt. Dann zieht er, von Jubelrufen begleitet, die Straße zum Römer entlang. Zu seinen Ehren wird dort ein luxuriöses Festmahl veranstaltet. Ein Glück, könnte man meinen, hat uns die Aufklärung von solch verschwenderischen Einsetzungsritualen und überkommenen Symbolen befreit! Mit den heutigen schlichten Vereidigungen von Ministern oder Kanzlern hat dies nichts mehr zu tun – aber nur scheinbar. Wie wir bereits in der letzten Sitzung sehen konnten, findet man erstaunliche Parallelen, wenn man die heutigen Amtsübergaben mit der Kaiserkrönung vergleicht. Die Ähnlichkeiten zeigen nicht nur, dass auch in der Gegenwart Herrschaftseinsetzungen rituell durchdrungen sind, sondern auch, dass es eine unmittelbare Tradition zwischen den Ritualen der Vergangenheit und der Gegenwart gibt.

Wir haben uns hier die Frage gestellt, warum es überhaupt ein Ritual benötigt, um einen neuen Herrscher einzusetzen. Darf man nicht davon ausgehen, dass eine gesetzliche Regelung oder eine Urkunde genügen, um den Regierenden in seiner Position zu bestätigen?

Die Ritualforschung erklärt, dass das Ritual einen Zustand der Autoritätslosigkeit überbrücken soll, welcher entsteht, wenn der vorherige Herrscher seine Macht verliert. Dies kann geschehen, wenn er stirbt, abdankt, des Amtes enthoben wird oder seine Amtszeit abgelaufen ist. Die unbesetzte Stelle des Herrschers stellt einen Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung dar, führt zu Unsicherheit und kann damit sogar eine Gefahr für besagte Ordnung darstellen.

Das Ritual strukturiert den Übergang. Es soll den unsicheren Zustand überbrücken und beenden. Dabei geht es vor allem darum, dass die Vorstellungen aller Beteiligten verändert werden – denn nur, weil in einer Urkunde oder in einem Buch steht, wer der neue Herrscher (oder Regierende) ist, heißt es nicht, dass dieser fortan automatisch als solcher wahrgenommen und die neue Ordnung akzeptiert wird. Eine solche Veränderung der Vorstellung gelingt dem Ritual, indem es Zusammenhänge und Übergänge symbolisch darstellt. Für die Gesellschaft bedeutet dies, dass ihre Ordnung bestätigt und soziale Unterschiede als legitim anerkannt werden.

Für die eingesetzte Person bewirkt das eine Veränderung der Vorstellung in zweifacher Hinsicht. Durch das Ritual identifiziert der Herrscher sich mit seiner neuen gesellschaftlichen und sozialen Funktion sowie den damit einhergehenden Rechten und Pflichten. Er fühlt sich seiner neuen Rolle, in die er von nun an schlüpft, verpflichtet. Aber auch die Vorstellungen der anderen Beteiligten von der eingesetzten Person, die das Verhalten zu ihr beeinflussen, werden verändert.

Derartige Ritualelemente finden sich in nahezu allen Einsetzungen der Vormoderne, ob bei der frühneuzeitlichen Kaiserwahl, der mittelalterlichen Papstweihe, der Einsetzung eines Stadtrats oder der Amtseinsetzung eines Universitätsrektors. Der genaue Ablauf ist aber durchaus flexibel und passt sich an die entsprechenden regionalen Gegebenheiten an.

Meist begann das Ritual mit der Beratung und Wahl eines Kandidaten (natürlich größtenteils männlich). Die Wahl war in der Regel geheim und auf einen kleinen Kreis von Wählenden beschränkt. Lediglich das Ergebnis wurde bekannt gegeben. Darauf folgte für gewöhnlich eine Prozession zu einem neuen Ort oder einer neuen Ritualstation. Der Gewählte wurde im Anschluss in ein Gestühl wortwörtlich „eingesetzt“. Das Gestühl war hierbei keine einfache Sitzgelegenheit, sondern es stand sinnbildlich für das Amt, welches übernommen wurde. Es symbolisierte die Beständigkeit des Amtes, welche unabhängig des sterblichen Körpers, der jenes bekleidet, überdauerte. Ähnlich verhält es sich mit den Insignien, welche dem Eingesetzten übergeben wurden. Sie verdeutlichen die Kontinuität des Amtes und erinnern an Recht und Pflichten. Es ist wenig verwunderlich, dass heute noch von „der englischen Krone“ oder „dem Heiligen Stuhl“ gesprochen wird, da diese symbolisch für das jeweilige Amt stehen. Sie statten die Person mit der Bedeutung und Funktion ihres Amtes aus.

Ebenfalls wichtig war das Entkleiden der alten Kleidung und das Bekleiden der neuen. In der vormodernen Zeit war der soziale Stand nicht immer von der politischen Funktion zu trennen. Durch die Kleidung konnte der soziale Stand leicht erkannt werden, und daher war auch streng reguliert, wer welche Kleidung tragen durfte. Der Kleidungswechsel während des Rituals steht also symbolisch für den Übergang in einen neuen sozialen Stand. Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Statuswechsel war der sakrale Kern, der allen Einsetzungsritualen innewohnt. Ein gemeinsamer Gottesdienst oder eine konkrete sakrale Handlung stellte einen Bezug zur Gnade Gottes dar und sollte die Herrschaft durch Gott legitimieren. Den Abschluss des Rituals bildete meist ein gemeinsames Mahl. Die Sitzordnung bei diesem war streng geregelt, da sich die Bedeutung der einzelnen Akteure in ihr widerspiegelt. Außerdem wurden die am Mahl Teilnehmenden von den restlichen Zuschauern des Rituals getrennt. Dadurch entstand unter den Teilnehmenden ein Zugehörigkeitsgefühl, und der neue Amtsinhaber wurde in die Gruppe der teilnehmenden Mächtigen integriert.

Die Gemeinsamkeiten enden nicht im Ablauf, sondern sind selbst in Details zu erkennen. Sogenannte Kernsymbole bezeichnen bestimmte Gesten, Sprachformeln oder Gegenstände, die in diesen Ritualen vorkommen. Diese wurden in sogenannten Ordines (sg. Ordo) festgehalten. Dabei handelt es sich um schriftliche Vorlagen, die vergangene Einzelfälle oder Idealabläufe beschreiben. Für das Gelingen des Rituals war es von zentraler Bedeutung, dass alle Beteiligten eine klare Vorstellung davon hatten, wie das Ritual „richtig“ (und demzufolge: rechtmäßig) zu verlaufen hat.

Seine nachhaltige Wirkmacht entfaltet das Ritual auch durch die Heraushebung aus dem Alltag, die sogenannte Solemnität. Die Herrschaftsrituale zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine alltäglichen Handlungen an beliebigen Orten sind, sondern an wirkmächtigen und dekorierten Plätzen stattfinden.

Auch wenn die Wahlen wie erwähnt geheim waren, war es von großer Bedeutung, dass der Gewählte einmütig verkündet wird. Diese Unanimitas war von großer Bedeutung, da jeder Wahlberechtigte dadurch seine Zustimmung zeigte und im Nachhinein die Wahlentscheidung legitimierte. Es ist also nicht davon auszugehen, dass alle Beteiligten auch tatsächlich gleich gewählt haben, trotzdem bedurfte der zukünftige Herrscher der Zustimmung aller.

Ein weiteres wichtiges Kernsymbol war die Cavalcata. Die Prozession zwischen verschiedenen Ritualstationen war nicht einfach nur eine logistische Angelegenheit, sondern in ihr spiegelte sich die gesellschaftliche Ordnung wider. So war es meist geregelt, wer an welcher Stelle ritt und wie viel Gefolge er dabei mit sich führen durfte.

Auch in heutigen Einsetzungsritualen spielen die genannten Kernsymbole eine wichtige Rolle. Und welche Relevanz diese entfalten können, lässt sich paradigmatisch an der sogenannten „Kemmerich-Affäre“ um den gleichnamigen, kurz nach seiner Vereidigung im Februar 2020 zurückgetretenen Ministerpräsidenten von Thüringen nachvollziehen:

Bis heute findet bei der Ministereinsetzung zunächst eine Wahl statt, bei der ein Kreis von Wahlberechtigten zwischen den Kandidaten wählen kann. Nachdem Kemmerich als Sieger im dritten Wahlgang verkündet wurde und er die Wahl annahm, legte er einen Eid auf die Thüringer Verfassung ab. Der Eid ist in der Thüringer Verfassung festgelegt. Diese legt den generellen Ablauf fest und erfüllt somit eine ähnliche Funktion wie die Goldene Bulle für die Kaiserkrönung, auch wenn in der Verfassung nicht alle Details festgelegt werden, sondern Teile des Rituals aus gelebter Tradition bestehen. (Dazu gehört beispielsweise die Gratulation, aber auch ein formeller Kleidungsstil.) In besagtem Eid findet sich der sakrale Kern wieder, wenn er auch auf einen optionalen Satz am Ende der Eidesformel reduziert ist: „so wahr mir Gott helfe“. Solemnität kommt hierbei durch den symbolischen Ort zustande: Die Amtsübergabe findet im Landtag statt, also dort, wo sich das politische Tagesgeschehen abspielt. Ein besonderes Herausputzen der Örtlichkeit ist zwar nicht zu beobachten, dafür aber eine Fülle an Kameras und Reportern, welche durch die Quantität der Aufnahmen das Geschehene aus dem Alltag herausheben.

Eine Reihe der mittelalterlichen Elemente – wie die Setzung in ein Gestühl, die Insignienübergabe, die Bekleidung mit einem Krönungsmantel und das gemeinsame Mahl – finden sich im thüringischen Einsetzungsritual nicht mehr wieder. Das liegt zum Teil daran, dass die Amtseinsetzung keine veränderte soziale Stellung mehr mit sich bringt, dies muss deshalb auch nicht mehr durch eine aufgewertete Kleidung etc. verdeutlich werden.

Die Prozession hingegen findet – in einer sehr abgewandelten Form – jedoch im Anschluss an den Eid weiterhin statt. Hier schreiten die jeweiligen Fraktionsangehörigen nach vorne, um dem neu Eingesetzten, in unserem Fall Thomas Kemmerich, zu gratulieren. Vergleichbar zur Cavalcata lässt sich hier eine Hierarchie erkennen, denn zunächst gratulieren die Fraktionsvorsitzenden, erst danach folgen die anderen Fraktionsangehörigen. Die politische Ordnung wird so symbolisch hervorgehoben und durch die Beteiligten akzeptiert. Aber es passiert noch etwas weiteres: Durch die Gratulation erfüllen sie das Kernsymbol der Unanimitas. Auch die vielen Abgeordneten, die nicht für den Eingesetzten gewählt haben, machen durch die Gratulation sichtbar, dass sie ihn und seine Regierung akzeptieren.

Gerade die Unanimitas blieb jedoch bei der Einsetzung Kemmerichs dezidiert aus. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, überreichte Kemmerich nicht wie üblich einen Blumenstrauß, sondern warf diesen Kemmerich zu Füßen. Sie brachte darin ihren Protest zum Ausdruck, dass Kemmerich entgegen der bisherigen Ordnungsvorstellungen und vorheriger Absprachen durch die Stimmen der AfD ins Amt gewählt wurde. Sie zeigte dadurch symbolisch, dass sie (oder stellvertetend: die von ihr repräsentierten Teile der Bevölkerung) seine Regierung nur teilweise anerkennen. Das Ausbleiben der Unanimitas wird noch dadurch gesteigert, dass nun parallel zum Amtseid Kemmerichs auch der Blumenwurf durch die Medien geht und dadurch öffentlich gemacht wird.

Nur wenige Tage später wird der Druck auf Kemmerich so groß, dass er zurücktritt. Auch wenn sich der gescheiterte Amtsantritt nicht monokausal auf den Blumenwurf zurückführen lässt, kann dessen Relevanz im Nachhinein jedoch nicht ignoriert werden.

Das Beispiel zeigt, wie viel der vormodernen Einsetzungsrituale noch in unseren modernen Ritualen steckt. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen und unsere eigene Zeit besser zu verstehen. Auch wenn die äußeren Formen der modernen Einsetzungen scheinbar schlicht und unscheinbar gehalten sind, sind sie durchzogen von Symboltraditionen, die nach wie vor kaum an Wirkmächtigkeit eingebüßt haben.


Literatur

  • Jutta GÖTZMANN: Weihen – Salben – Krönen. Die vormoderne Kaiserkrönung und ihre Imagination, in: Spektakel der Macht. Rituale im alten Europa 800-1800, hg. v. Barbara STOLLBERG-RILINGER u.a., Darmstadt 2008, S. 21-25.
  • Dorothee LINNEMANN: Rituale der Einsetzung. „Äußere Formen“, Funktionen und Bedeutung, in: Spektakel der Macht. Rituale im alten Europa 800-1800, hg. v. Barbara STOLLBERG-RILINGER u.a., Darmstadt 2008, S. 68-147.

Frankfurt als Wahl- und Krönungsort

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Frankfurt als Wahl- und Krönungsort


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

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Autorinnen: Anna Kullick & Katharina Stadler


„Das war das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beigewohnt hat. Punkt.“ Diesen Satz sagte Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses, zu einem Ereignis, das wohl vielen von uns im Gedächtnis geblieben ist: die Inauguration Donald Trumps im Jahr 2017. Die Frage der Wirkmächtigkeit und damit auch Legitimation einer Amtseinführung ist eng verbunden mit der kollektiven Erinnerung. Die Inszenierung des Rituals als öffentliches Ereignis ist daher von hoher Relevanz. Doch woher kommt diese Notwendigkeit und wie wird diese umgesetzt? Zur Untersuchung dieser Frage haben wir die Amtseinsetzung Trumps mit dem Frankfurter Krönungsordo verglichen, d.h. des festgelegten Ritualablaufs der Einsetzung als König/Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. In beiden Fällen stehen das „wirkliche“ Ereignis selbst und die ikonische Inszenierung des Geschehens für Gegenwart und Nachwelt in einem Spannungsverhältnis, das zwischen Realismus, imitatorischer Performativität und nachträglicher medialer Bearbeitung changiert. Hierbei spielen sowohl der rituell-öffentliche Ablauf als auch die Bilder, mit denen an das Ereignis erinnert werden soll, eine wichtige Rolle.

In der neue Frankfurter Altstadt erinnert uns der Alte Markt zwischen Dom und Römer noch heute an die Zeit mittelalterlicher Kaiser und Könige. Hier schritt der gerade gekrönte König samt Gefolge zu Fuß zum Römer, um das Krönungsritual im Römer mit einem feierlichen Mahl zu beenden. Seit der Goldenen Bulle von 1356 war Frankfurt Wahlort und seit 1562 auch festgelegter Krönungsort der römischen Könige und Kaiser. Auch der Ablauf des Rituals verlief nach strengen Regeln, die in der Goldenen Bulle festgelegt waren:

Am Krönungstag wurde der neue Herrscher im Dom zunächst befragt, gesalbt, eingekleidet und gekrönt, bevor König und Kaiser gemeinsam nach der Krönungszeremonie den Dom unter 100 Kanonenschüssen verließen, um über den Krönungsweg zum Römer zu gelangen. Trotz der sehr engen Gasse ergab sich für das neue Oberhaupt des Reiches so die Chance der Machtdemonstration. Im Römer wurde im Anschluss daran das Krönungsmahl gefeiert, welches einerseits als feierlicher Abschluss des Krönungsrituals diente, aber andererseits Kaiser und König gleichzeitig die Möglichkeit bot, sich zum ersten Mal in ihrer neuen Position zu repräsentieren. Um die Bedeutung und Wirkkraft des Mahls in ihrer Gesamtheit zu erfassen, muss man aus heutiger Sicht wohl sehr genau hinsehen, denn sogar das streng hierarchische Tafelzeremoniell war ein Spiegelbild der politischen Ordnung des Reiches.

Das gemeine war im Kaisersaal des Römers natürlich nicht anwesend, doch wurde es bei den Feierlichkeiten auch bedacht: Auf dem Marktplatz wurde ein Ochse gefüllt und gebraten sowie Wein ausgeschenkt, um eine große Menge an Menschen in seiner Nähe zu versammeln, deren Zustimmung der neu gewählte und gekrönte Herrscher so erlangte.

Neben dem Ablauf und der Bedeutung der einzelnen Aspekte des Krönungsrituals haben wir uns in unserer Vorbereitung auch mit den Eigenschaften der bildlichen Darstellung beschäftigt. Entscheidend ist dabei vor allem, dass die so genannten Krönungsbilder selten als echte „Dokumente“ des Geschehenen dienten, sondern viel eher eine bestimmte Botschaft oder Sichtweise auf das Ritual und die Teilnehmer übermitteln sollten.

Am Beispiel des Gemäldes „Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer“ von Martin van Meytens aus dem Jahr 1764 wird der inszenierende Charakter besonders deutlich, weshalb wir uns im Zuge unserer Vorbereitung mit diesem Werk auseinandergesetzt haben.

Wenn man ein tatsächliches Foto vom Inneren des Frankfurter Römers mit dem Gemälde von Meytens vergleicht, dann fällt sehr schnell auf, dass der Maler den Festsaal sowohl größer als auch höher dargestellt hat. Der Grund für eine Abbildung dieser Art ist, dass sie erheblich zur Inszenierung und Repräsentation des Kaisers beitrug.

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Gemäldes ist der goldene Baldachin, denn entgegen der Erwartung vieler fallen dem Betrachter nicht als erstes Kaiser und König ins Auge, sondern eben dieses Gebilde. Auch wenn es zuerst merkwürdig scheinen mag, gibt es für dieses Phänomen eine einfache Erklärung: Da die Menschen Kaiser und König zur damaligen Zeit ohnehin nicht nah gekommen sind, lag die Entscheidung, die Gekrönten aus einiger Entfernung und somit kaum erkennbar abzubilden, nah.

Bei einer näheren Betrachtung des Gemäldes sind Linien zu erkennen, die dort beginnen, wo der Baldachin endet, und nach oben verlaufen. Dies weist auf eine Verbindung zum Himmel und somit zu Gott hin, da der Kaiser im damaligen Verständnis der Menschen durch den Willen Gottes in sein Amt erhoben und dadurch legitimiert wurde.

Auch die Barrieren und Verbindungen zwischen dem König und Kaiser und den restlichen Anwesenden sind relevant. Beispielsweise bilden die Treppenstufen und Balken in den Fenstern die deutlichsten Querlinien zur restlichen Ausrichtung des Gemäldes, wodurch eine räumliche Trennung geschaffen wird: Das Machtgefälle zwischen den Gekrönten und den restlichen Anwesenden, wie den Kurfürsten, wird verdeutlicht. Das unterschiedliche Geschirr und die Sitzordnung sowie die Anzahl der Personen an einem Tisch und die erhöhte Stellung der Tafel des Kaisers verstärken diesen Eindruck noch. Zugleich wird jedoch durch die Darstellung des Kaisers und des Königs als Teil der Masse eine Verbindung zu den Anwesenden erschaffen.

Die ausdruckstarke Repräsentation und Inszenierung mag heute auf den ersten Blick fremd und übertrieben wirken. Doch ist das Ganze wirklich so weit entfernt von dem, was wir heute kennen?

In Deutschland mag eine solch pompöse Amtseinsetzung des Staatsoberhauptes fehl am Platz wirken, aber schaut man in Nachbarländer wie Frankreich oder nach Übersee, scheinen die Machtdemonstration und Repräsentation des Amtsinhabers einen höheren Stellenwert einzunehmen. Wer schon mal Fotos oder Videos einer Amtseinsetzung des französischen oder US-amerikanischen Präsidenten gesehen hat, weiß um das Pompöse dieses Rituals. Es handelt sich traditionsgemäß um Inszenierungen der Weitergabe (und Kontinuität) von Macht und um Repräsentationen von Aspekten, die wir bereits im Kontext der Krönung kennengelernt haben (wie Transzendenzbezüge der Herrschaft oder dem komplexen Verhältnis der Herrschenden zum Volk, dessen Teil sie zugleich sind und nicht mehr sind).

Bedenkt man also die Traditionslinien und die verwendete Ritual-Symbolik, wird bereits bei erster Analyse deutlich, dass es sich bei den heutigen zeitgenössischen Ritualen um Transformierungen mittelalterlicher Herrschaftseinsetzungen handelt.

Um diese Verbindung zu verdeutlichen, haben wir unsere Sitzung auf einer Untersuchung der Parallelen und Unterschiede zwischen der besagten Inauguration Donald Trumps 2017 und den idealtypischen Kaiserkrönungen des Alten Reichs aufgebaut. Dabei haben wir uns auf vergleichbare Strukturen, Riten Symbole und Repräsentationen konzentriert.

Fragen wir also zuerst: Wie verläuft denn eigentlich die Inauguration eines US-amerikanischen Präsidenten?

Es war der 20. Januar 2017, als Trump feierlich im Kapitol den Amtseid ablegte. Nach einem Gottesdienstbesuch, der seit 1809 Tradition der Amtseinsetzung ist, wurde um 12 Uhr der Amtseid Trumps auf die Lincoln-Bibel und seine persönliche Kinderbibel geschworen. Die Vereidigung endete traditionsgemäß mit dem 21-Kanonen-Salut, zur Würdigung seines Rangs, bevor Trump seine Antrittsrede hielt. Nach einem anschließenden Mittagessen begann die Cavalcata zum Weißen Haus. Trump und seine Frau Melania wurden dabei von einer Militärparade und zahlreichen Zuschauern, aber auch Demonstranten begleitet, sodass nicht nur Jubelrufe zu hören waren. Sie fuhren aus Sicherheitsgründen den größten Teil des Weges in einem Auto, doch stiegen sie auch aus, um zu Fuß zu gehen, was die Repräsentationskraft des Aktes erhöhte. Drei feierliche Bälle dienten als Abschluss in Inauguration. (Zu den Hintergründen dieser Ritualelemente siehe »Rituale der Herrschaftseinsetzung.)

Das Ganze sah für uns auf den ersten Blick nach althergebrachtem Brimborium aus, auch gerade, weil uns in Deutschland so eine Inszenierung der Amtsinhaber eher fremd erscheint. Doch wenn man sich das Ritual der US-amerikanischen Amtseinsetzung genauer ansieht, fallen doch mehrere bedeutungstragende Elemente auf, die sich mit dem Frankfurter Krönungsordo vergleichen lassen.

Augenfällig sind hier zunächst die Formen von öffentlicher Inszenierung und Machtdemonstration des neuen Amtsinhabers. Die Parade Trumps, das Militär, die Kanonenschüsse und die Bälle unterstreichen die Macht des Präsidenten als Träger des höchsten Amts in den USA und als Oberbefehlshaber des Militärs.

Ähnlichkeiten gibt es ebenfalls in den religiösen Bezügen. Heutzutage sind diese weniger offensichtlich als im mittelalterlichen Krönungsritual. Dennoch gibt es in den US-amerikanischen Ritual, ähnlich wie im Frankfurter Ordo, einen Gottesdienstbesuch des Präsidenten, der die Anerkennung einer übergeordneten göttlichen Ebene verdeutlicht. Im Gegensatz zum mittelalterlichen König inszeniert sich der US-Präsident jedoch ohne Gottesgnadentum.

Welche Relevanz die Partizipation von Publikum am Einsetzungsritual nach wie vor hat, wurde deutlich, als einen Tag nach der Inauguration Trumps vergleichende Bilder zur Amtseinsetzung Obamas im Netz kursierten. Auf diesen zeigte sich, dass mehr Menschen Obamas Amtseinsetzung vier Jahre zuvor beigewohnt hatten. Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses behauptete jedoch, dass bei Trump das größte Publikum aller Zeiten anwesend gewesen sei, was durch die manipulierten Bilder der Menge unterstrichen werden sollte. Hier stellte sich uns nun die Frage, aus welchen Gründen die Zuschauermenge größer dargestellt worden war. Denn Trump wurde schließlich ins Amt gewählt und an diesem Tag offiziell ins Amt eingesetzt. Die Zuschauermenge hat dann doch eigentlich keinen Einfluss, oder?

Bei Trump und auch schon bei mittelalterlichen Königen war die Anwesenheit des Volkes ein aussagekräftiger Faktor der Legitimation des Machthabers, sodass die Menge der anwesenden Zuschauer durchaus für die Inszenierung wichtig ist – und das gilt heute genauso wie in früherer Zeit.

Die Zuschauer drücken durch ihre Anwesenheit ihre Legitimation und Anerkennung gegenüber Trump aus. Die Tatsache, dass seine Amtseinsetzung weniger stark besucht war als diejenige Obamas, lässt sich demnach als Symbol für einen geringeren Rückhalt beim Volk interpretieren. Und dieser Rückhalt ist ebenso für die Legitimation von Herrschaft wichtig wie für ihre Stabilität. Dass überhaupt ein Vergleich zu Obamas Einsetzung im Netz kursierte, belegt die Bedeutung der scheinbaren „Äußerlichkeit“ des Umfangs der jubelnden Masse.

Was nehmen wir nun aus diesem Vergleich mit? Zum einen, dass es sich lohnt, sich trotz aller gefühlten Andersartigkeit historischer Rituale mit ihnen zu beschäftigen. Viele Bedeutungsebenen heutiger Rituale erschließen sich erst, wenn einem die Symbol- und Ritualtraditionen bekannt sind, in die sich das jeweilige Ritual stellt. Und zum anderen wird aus derartigen Vergleichen deutlich, inwiefern sich die unterschiedlichen politischen Systeme auch in der Transformation der mit ihnen verbundenen politischen Inszenierungen ausdrücken.

So anders und exotisch der Krönungsordo der Goldenen Bulle aus dem 14. Jahrhundert also auf uns wirkt – auch und gerade angesichts der methodischen Ähnlichkeiten der Inszenierung zur Inauguration des US-Präsidenten ist er uns näher, als man landläufig vermutet.


Quellen und Literatur

Theater und Politik

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Zur Einführung


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021

Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor*innen: Hoda Alaa, Shams Sami & Felix Rausch


Beim Begriff „Theater“ denkt man an zunächst an Autoren wie Shakespeare und Brecht oder an Menschen in Kostümen, die vor Publikum ein Theaterstück „performen“. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch auch Bereiche des Themenkomplexes „Politik“, bei denen der Übergang zum Theater mehr oder weniger fließend verläuft.

Um diesen Aspekt des Politischen näher auszuleuchten, haben wir aktuelle wie historische politische Ereignisse methodisch aus der Theaterbrille betrachtet. Leitend für unsere Arbeit war hierbei ein doppelter Theaterbegriff: Zum einen der Inszenierungscharakter und zum anderen die Dramatik und Theatralik. Neben der Propaganda in Filmen, bei denen kein Hehl daraus gemacht wird, dass es sich um eine Inszenierung handelt, ist Politik eher als eine „inoffizielle“ Inszenierung zu betrachten. Inszeniert heißt dabei nicht automatisch, dass etwas „unwahr“ ist. Es bedeutet lediglich, dass ein Sachverhalt übertrieben und performativ dargestellt wird, um einzelne Aspekte zu verdeutlichen; so wie im Theater – wo Emotionen und Bewegungen so groß und theatralisch ausgeführt werden müssen, dass selbst in der fünfzehnten Reihe noch alle verstehen, worum es geht.

Politik als Organisation von Gemeinschaft(en) vollzieht sich in unterschiedlichsten Formen. Insbesondere in Krisensituationen kommt dabei kulturübergreifend ein Phänomen zum Tragen, dass in den Kulturwissenschaften als „soziales Drama“ (Victor Turner) bezeichnet wird:

Jede Gemeinschaft und Gesellschaft hat Normen und unausgesprochene Regeln, die als selbstverständlich gelten und die unhinterfragt befolgt werden. Sie verändern sich über die Zeit und unterscheiden sich je nach Kultur und Land. Im Mittelalter wird der Herrscher von Gott auserwählt, im 18. Jahrhundert in England darf man keine Hochzeite am Nachmittag feiern, und im Ndembu-Volk in Afrika muss der neue Herrscher vor seiner Krönung vom Volk gedemütigt werden. Bei seinem Aufenthalt bei ebendiesem Volk kam Victor Turner zu der Erkenntnis, dass Konflikte innerhalb einer Gemeinschaft in der Regel durch das Brechen ihrer Regeln und damit ihrer sozialen Strukturen verursacht werden. Das kollektive Auflösen solcher Konflikte vollzieht sich in einer Form, welche dem klassischen Verlauf eines Dramas sehr ähnelt.

Beginn des sozialen Dramas ist der Bruch einer der grundsätzlichen Regeln seiner Gemeinschaft durch einen Akteur. Dies kann von einem strafrechtlichen Vergehen reichen bis hin zum Infragestellen der Rolle und Aufgaben eines politischen Amtes. Die Folgen dieses Bruchs der sozialen Struktur ist eine offene soziale Krise, in der die Gemeinschaft ihre Struktur hinterfragt und am Ende zu einer Lösung kommt, beispielsweise in der Neuanpassung der gemeinschaftlichen Odnung oder auch im Ausschluss des „Täters“ aus der Gemeinschaft.

In der Klimax, dem Anpassungsprozess, erfolgt die Konfliktlösung des ganzen Geschehnisses. Dieser kann je nach Situation auf unterschiedliche Weise ablaufen: durch eine Rebellion, einen Krieg, eine Gerichtsverhandlung oder durch ein Ritual. In unserer Sitzung haben wir uns insbesondere der rituellen Krisenbewältigung gewidmet: Zunächst wird der Protagonist aus dem Alltag getrennt (Separation), aus seinem vorherigen Leben innerhalb der Gemeinschaft für eine gewisse Zeit ausgeschlossen (Seklusion) und in der Gesellschaft mit einer neuen Identität integriert (Wiedereinführung). Rituale trennen das Alte vom Neuen. Somit ist man im Vergleich zu der Situation vor dem Ritual in einem neuen Zustand.

Während des Rituals befindet man sich in einem Zwischenzustand der Liminalität, im Übergang vom Alten zum Neuen. Diese Phase ist die Phase der Anti-Struktur bei der es keine Ordnung gibt und alle Akteure in Communitas miteinander als Gleiche verbunden sind. Das Verhältnis, das sich bei den Beteiligten während der liminalen Phase bildet, bezeichnet Turner als „Passage“ zwischen den Zeiten vor und nach dem Ritual. Die Rollenverteilung oder die Hierarchie, an der man im Alltag gewöhnt ist, werden hierfür vorübergehend aufgehoben. Dabei werden alle Positionen der Beteiligten gleichgeschaltet. Allgemein kehren sich die Zustände in ihr Gegenteil – man kehrt vom Definierten zum Undefinierten zurück. Anschließend kann der Protagonist von seiner Gemeinschaft wiederaufgenommen oder endgültig ausgestoßen werden.

In unserer Sitzung haben wir das Modell des sozialen Dramas auf den sogenannten „Gang nach Canossa“ angewandt. Das frühe Mittelalter war geprägt durch das kooperative Verhältnis von Kaisertum und Papsttum. Beide gemeinsam, so das gesellschaftliche Grundverständnis, sorgten für Ordnung und unterstützten sich gegenseitig bei ihren jeweiligen Aufgaben. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Kooperation jedoch von beiden Seiten immer wieder neu gedeutet, sodass es zu einer krisenhaften Umstrukturierung der Rolle beider Universalgewalten. Eine der bekanntesten derartigen Momente war der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im 11. Jahrhundert.

Ausgangspunkt war die Frage, wer von beiden den Erzbischof von Mailand ernennen dürfte, der sowohl ein kirchliches Amt ausübte als auch weltliche Herrschaft. Entgegen aller Ermahnungen des Papstes setzte Kaiser Heinrich eigenständig den Erzbischof ein. Als Folge dessen exkommunizierte Gregor Heinrich. Damit schloss er ihn aus der Kirche aus und „verbot“ ihm somit die Herrschaftsausübung. Anders als heute war es im 11. Jahrhundert unvorstellbar, dass ein weltlicher Herrscher ohne religiöse Legitimation herrschte. Sowohl die Rolle des Kaisers als auch des Papstes wurden von der Gegenseite in Frage gestellt. Das bisherige kooperative System erfuhr einen Bruch.

Und was kommt natürlich nach jedem Bruch? Richtig! Die Krise. Der Systemkonflikt entfaltete sich zu einer offenen sozialen Krise, da die Legitimität der Herrschaft des Kaisers offen in Frage gestellt wurde. Es kamen Fragen auf wie: Wie kann ein „von Gott erwählter“ Kaiser nicht Mitglied der kirchlichen Gemeinschaft sein? Und wer ist eigentlich dazu berechtigt, Bischöfe und Reichsäbte einzusetzen? Wo zieht man die Grenze zwischen dem Geistlichen, der Religion, und dem Weltlichen, sprich Politik und Staat?

Die Reichsstände versammelten sich und beschlossen, den verbannten Kaiser abzusetzen und Neuwahlen zu veranstalten, sollte er es bis zu einem festgelegten Termin nicht die Absolution erlangen und damit wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen werden. Heinrich begab sich daraufhin nach Italien, um der Forderung nachzukommen. Um der Begegnung mit Heinrich zu entgehen, zog sich Papst Gregor auf die Burg Canossa zurück.

Bei der Lösung dieses Konflikts lassen sich die Aspekte des sozialen Dramas wie im Brennglas nachvollziehen. Drei Tage lang – so die Quellen – bettelte Heinrich barfuß, weinend in einem Büßergewand gekleidet vor der Burg Canossa im Schnee rituell um Vergebung. Bedenkt mit seinem eigentlichen Status – Heinrich war das nominelle Oberhaupt aller westeuropäischen Herrscher – ist das Auftreten als Büßer eine liminale Nivellierung aller sozialer Ordnung. Erst nach seiner mehrtägigen rituellen Unterwerfung wurde er von Gregor empfangen und erneut in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Folge war sowohl die gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt als auch neu geordnet: Das Reich hatte einerseits wieder einen legitimen Herrscher, das Verhältnis von Kaisertum und Papsttum wurde jedoch in Folge dessen neu auskonfiguriert.


Literatur

  • Gerd ALTHOFF: Rituale – symbolische Kommunikation. Zu einem neuen Feld der historischen Mittelalterforschung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 140-154.
  • Till FÖRSTER: Victor Turners Ritualtheorie. Eine ethnologische Lektüre, in: Theologische Literaturzeitung 128 (2003), S. 703-716.
  • Bernhard LINKE: Politik und Inszenierung in der Römischen Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7 (2006), S. 33-38.
  • Bernd SCHNEIDMÜLLER: Canossa – Das Ereignis, in: Canossa 1077. Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, hg. v. Christoph STIEGMANN / Matthias WEMHOFF, Band 1: Essays, München 2006, S. 36-46.

Propaganda

Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Propaganda


Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021

Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor*innen: Lena Flath & Anna-Franziska Moritz


Die Auseinandersetzung mit Propaganda ist fest im schulischen Geschichtsunterricht verankert: Reden werden nach rhetorischen Mitteln analysiert und deren Intentionen interpretiert; Plakate werden beschrieben, Symbole, Schriftzüge und Farben auf deren Gehalt hin expliziert. Doch welche Medien werden sonst noch zu Propagandazwecken verwendet? Wo finden wir Rituale innerhalb der Propaganda? Welches Medium ist am besten geeignet, um ein möglichst großes Publikum zu indoktrinieren?

Wir haben uns mit der Propaganda im Dritten Reich anhand des filmischen Materials aus Triumph des Willens beschäftigt. Grundlegend für unsere Arbeit waren Texte von Kristina Oberwinter, die sich mit der Repräsentation und Produktion von Emotionen des besagten Films von Leni Riefenstahl befasst hat. Diesbezüglich haben wir uns vor allem mit der Inszenierung des Politischen und dem Film als Propagandamedium, Gestaltungsmitteln des Films, der Erzeugung von Emotionen und der Wirkung von Masseninszenierungen auseinandergesetzt.



Um uns die Denkweisen der damaligen Zeit hineinversetzen zu können, haben wir uns innerhalb der Sitzungsvorbereitung mit Walter Benjamins Definition der Ästhetisierung von Politik und Le Bons Werk Psychologie der Massen (1895) beschäftigt.

Für Benjamin, einem wichtigen deutschen Philosophen und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts, war die Ästhetisierung von Politik eng verbunden mit dem Phänomen des Faschismus: Der Faschismus versuche, die Forderung nach der Beseitigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse durch die Verwendung von ästhetischen Mitteln zu verhindern. Der Scheincharakter der sozialen Harmonie benötige demnach ein ästhetisches Ausdrucksmittel in der Öffentlichkeit, um symbolhaft zu erfüllen, was real versagt worden sei. Die permanente Inszenierung sei somit für die Stabilität des Regimes unerlässlich, um von der sozialen und politischen Wirklichkeit und den inhärenten Widersprüchen innerhalb des Systems abzulenken.

Le Bon wiederum, ein französischer Psychologe, Soziologe und Anthropologe, ging davon aus, dass Individuen innerhalb der Masse auf eine gefühlsbetonte, irrationale Entwicklungsstufe zurückfallen, innerhalb welcher sie animalische Eigenschaften entwickeln würden. Der Mensch innerhalb der Masse sei naiv, leicht empfänglich, manipulierbar und handele triebbedingt wegen ihres mangelnden Urteilsvermögens. Aufgrund der vorausgegangenen Aspekte und der Tatsache, dass die Masse nur bildlich denken könne, würde sich die visuelle Ebene anbieten, um die Massen zu beeinflussen.

Nach der Klärung unserer theoretisch-methodischen Grundlagen wandten wir diese in einem zweiten Schritt an, genauer gesagt in der Untersuchung der ästhetischen Verschränkung von Medium und Ideologie des NS-Propagandafilms Triumph des Willens. Was macht diesen Film so besonders? Die Antwort hierauf vollzieht sich auf mehreren Ebenen.

Zunächst spricht der Film alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen an. Generell ist die emotionale Wirkung intensiver und dauerhafter, sofern der Film von einem Massenpublikum gemeinsam geschaut wird. Ebenso erfolgt eine ideologische „Betäubung“ der Massen.

Das Medium dient einerseits als Flucht aus dem Alltag, täuscht Freiheit und Wohlbefinden vor, fördert den Optimismus, aber erzeugt andererseits auch eine erzieherische Wirkung und eine Ausübung von emotionalem Druck. Durch die Simulation von Emotionen kommt es zur Unterdrückung des Intellekts der Zuschauer.

Prinzipiell dient das Kino als Ort der Suggestion, da der Film eine Illusion fördert. Es wird ein verändertes Zeit- und Raumgefühl erzeugt, das ein intensives Körpererlebnis vermittelt. Gründe dafür sind, dass die Sehweise des Menschen durch den Film vertieft und erweitert wird. Zudem ermöglichen die Einstellungsgrößen der Kamera eine Isolation, Integration, Relativierung oder Verabsolutierung der Bildobjekte. Ebenso werden rezeptive Mechanismen emotionaler Identifikation und einfühlender Verhaltensweisen ausgelöst.

Der Film dient somit als Mittel der Imagination und projiziert einer Scheinwelt. Durch die räumliche Situation entsteht eine hohe Bereitschaft für die emotionale und psychische Identifikation mit dem Filminhalt.

Aus heutiger Sicht stellt man sich jedoch die Frage, was das Besondere ein einem einzigen Kinofilm sein soll. Hierbei ist zu bedenken, dass Kinofilme zur Zeit des Faschismus noch ein relativ neues Phänomen darstellten und die Mehrheit des Publikums dementsprechend eine relativ unreflektierte Zuschauerrolle einnahm. Filmische Stilmittel, die uns heute selbstverständlich erscheinen, waren in den 1930ern noch ein Novum. Auch der Gang ins Kino war weniger individualisiert als heute und wurde als explizites Gemeinschaftserlebnis inszeniert.

Generell wird durch den Kontrast aus Licht (Leinwand) und Dunkelheit (Saal) ein absoluter Fokus erzeugt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Durch die räumliche Situation kann eine emotionale Identifikation erleichtert werden. Insbesondere im Dritten Reich galt das Kino als wichtigstes Massenmedium. Es sollten vor allem Emotionen transportiert werden.



Innerhalb des Films positionierte Leni Riefenstahl die Kamera so, dass nicht Hitler, sondern „das Volk“, vertreten durch die dargestellten Menschen(massen), im Mittelpunkt stand. Die Perspektive wurde so gewählt, als würde das Publikum selbst hinter den dargestellten Personen stehen. In einem vollgefüllten Kinosaal wurde eine Verlängerung der Masse auf der Leinwand durch die Menschen im Kinosaal erzeugt, wodurch das Publikum das Gefühl bekommen konnte, selbst Teil der abgebildeten Masse zu sein. Damit wurde eine Realität vorgetäuscht, die zugleich die Begeisterung der abgebildeten Massen auf das Kinopublikum zu übertragen in der Lage war, so dass man sich gut vorstellen kann, wie einige Zuschauer sich der dargestellten Begeisterung anschließen und selbst den Hitlergruß ausführen.

Doch woher kam diese Begeisterung dafür, Teil einer Masse zu sein? Woher entstand die Sehnsucht nach Bindung und Gemeinschaft in den späten Jahren der Weimarer Republik und den Anfangsjahren des NS-Regimes?

Wir sehen die Wirkung von Triumph des Willens innerhalb des NS-Propaganda eng verbunden mit der historischen Ausgangssituation: Kaiserabdankung, Kriegsniederlage und Revolution hatten die deutsche Bevölkerung nachhaltig geprägt und in eine Depression gestürzt. Wirtschaftskrise, Inflation und folgende Massenarbeitslosigkeit führten zur Existenzunsicherheit. Zudem mündeten Industrialisierung und Technisierung in der Entwurzelung des Individuums, da gesellschaftliche Bindungen erloschen. Beunruhigend war ebenso der ständige Regierungswechsel und dass sich keine absolute Mehrheit mehr finden ließ (Splitterparteien). Insgesamt gesehen kam es aufgrund der aufgeführten Aspekte zur Desillusionierung und Verunsicherung, wodurch die Forderungen nach emotionalem Halt und ästhetischem Ausgleich, um die bestehende Misere zu verdecken immer größer wurden. Die Gesellschaft und das politische System befanden sich in einer tiefen Krisensituation.

Der Nationalsozialismus versuchte, diese Krise durch das Führersystem zu lösen – mit Adolf Hitler an der Spitze, auf den „das Volk“ (verstanden im Sinne des Weberschen Charismakonzepts) seine Hoffnungen und Sehnsüchte projizieren konnte. Hitler selbst war allerdings vom Volk ebenso abhängig, weswegen er stets darauf achten musste, den Wünschen des Volks gerecht zu werden, um seine Macht zu legitimieren.

Das Volk hatte sich im Laufe der Zeit immer mehr den Anforderungen und Gesetzgebungen Hitlers anzupassen, sodass der individuelle Spielraum immer geringfügiger wurde und kleinste Verstöße große Strafen nach sich zogen. Die NS forderte Opferbereitschaft und Hingabe und bot im Gegenzug Annehmlichkeiten wie Konsumgüter und Nahrungsmittel. Es wurde demnach nicht nur durch Zwang, sondern auch durch den Appell an das Imaginäre regiert.

Bedenkt man diese Rahmenbedingungen, wird deutlich, welche Relevanz die Emotionalität der filmischen Erzählung Riefenstahls hatte. Der Film gibt bestimmte Adäquatheitsregeln vor, die das kollektive Gefühlsleben steuern sollten. Wie innerhalb eines Modells gibt der Film wieder, welche Emotionen gesellschaftlich akzeptiert waren und welche besser unterlassen werden sollten. Zur Stabilisierung und Popularisierung des Systems fungierte die Darstellung von Euphorie. Es erfolgte somit eine Nationalisierung des Gefühlslebens, die auf der Gleichschaltung von subjektiven und nationalen Interessen basierte. Durch den Film wurden Gemeinschaftsfremde und „Volksfeinde“ auch emotional stigmatisiert. Parteitage wurden als heterotopische Räume auch für die Filmzuschauer erlebbar, in denen die Ideologie des NS als realisiert veranschaulicht wurde.

Ein dritter zentraler Aspekt für das Besondere an Triumph des Willens ist die inszenierte symbolisch-rituelle Verschränkung von Akteuren und Zuschauern. Rituale bringen Machtverhältnisse zum Ausdruck und erzielen eine formale Betonung expliziter Bedeutungsinhalte. Innerhalb von Triumph des Willens wird die Ideologie in motorische Aktivitäten transformiert, wodurch geordnete Massen geformt werden konnten und die Beteiligten einen Raum für Anspannung und das Erfassen körperlicher Leitwerte erhielten. Der kollektive Rhythmus erschuf Gemeinschaftserlebnisse und verdeutlichte sowohl für Beteiligte als auch für Zuschauer sinnlich, dass sie Teil eines Kollektivs waren. Es sollte eine gemeinsame Wirklichkeit etabliert werden, die gemeinsame Formen der Selbst- und Weltwahrnehmung enthielt. Demnach sollten performative Rituale ein spezifisches Wissen samt Verhaltensdispositionen erwecken und mobilisieren.

Innerhalb des Rituals fanden sich die Beteiligten symbolisch zu einer gemeinsamen Aktivität zusammen, wodurch der Fokus auf die gemeinsamen Interessen als Grundlage der Verbundenheit fiel. Das Ritual forderte die Angleichung der eigenen Meinung an die herrschende Meinung, wodurch Befriedigung und Freude entstanden. Die gemeinsame Aktivität ließ das Individuum Teil eines großen Ganzen werden, wobei gesellschaftliche Zuordnungen etc. in den Hintergrund rückten. Im Vordergrund stand die kollektiv erbrachte Leistung, die die Teilnehmer mit Stolz und Befriedigung erfüllte.



In Triumph des Willens wurden insbesondere Choreographien rituell inszeniert. Auf den Zuschauer wirken hierbei Schönheit, Schnelligkeit, Synchronizität und Kraftfülle einer Bewegung ansteckend, können mitreißen oder disziplinieren. Hierbei wurde die emotionale Selbstständigkeit des Individuums zugunsten seiner Integration in das Motiv der Masse aufgehoben. Als Ziel galt es ein Emotionskollektiv zu erschaffen: Die formierte Masse und der Zuschauer sollten sich gegenseitig erheben. Die Begeisterung des Publikums bekräftigte das Dargestellte und ließ viele Vorgänge erst sinnhaft wirken.

Innerhalb unserer Sitzung bekamen die anderen Kursteilnehmer*innen mehrmals den Auftrag, sich in die Rolle eines Diktators / einer Diktatorin zu versetzen, der/die gerne einen Propagandafilm drehen würde. Hierbei sollte analysiert werden, wie gut sich unsere Erkenntnisse auf die die Verfahren und Besonderheiten des Mediums Film abbilden ließen. Dazu haben wir sowohl Filmsequenzen wie Standbilder herangezogen, um uns deren Gestaltungselemente und vermutete Intentionen zu erarbeiten.

Zuletzt haben wir den Film mit anderen Medientypen von Propaganda (visuelle und Audio-Medien, Internet, Kunst und Literatur, Reden) verglichen und deren Stärken und Schwächen für die Indoktrination einer großen Masse diskutiert.


Quellen und Literatur

  • Triumph des Willens (1935, Regie: Leni RIEFENSTAHL, 114 min.), Fassung der Film Preserve: https://archive.org/details/iradeninzaferitriumphdeswillenstriumphofthewillturkcealtyazili
  • Martin LOIPERDINGER: Rituale der Mobilmachung. Der Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl, Opladen 1987.
  • Frank MÖLLER: Zur Theorie des charismatischen Führers im modernen Nationalstaat, in: Charismatische Führer der deutschen Nation, hg. v. F.M., München 2004, S. 1-18.
  • Kristina OBERWINTER: Bewegte Bilder. Repräsentation und Produktion von Emotionen in Leni Riefenstahls Triumph des Willens, München 2007.

Storytelling

Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Musisch-kulturelle Kurse

Storytelling


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autorin: Simone Beege


Es war einmal… so fangen viele Geschichten an – was aber macht eine gute Geschichte aus? Wie funktionieren Geschichten und was verbindet Frodo Beutlin mit Luke Skywalker? In diesem kontinuierlichem mukK werden wir uns mit „Storytelling“ befassen und selbst Geschichten erfinden – mal nach Erzählschema, mal mit Hilfe von Methoden aus dem Impro-Theater vor allem aber immer mit Spaß und unserer wilden Fantasie. Ich freue mich auf 4 Zoom-Sessions mit euch!


Beschreibung unseres Vorgehens


In diesem Kurs beschäftigten wir uns zu zehnt mit diversen Elementen des Geschichten Erzählens. Der Start im Plenum bestand jeweils aus einer kleiner Aufwärm- bzw. Lockerungsübung, um die Kreativität anzuregen und auf die entsprechenden Inhalte vorzubereiten. Dann ging es oft in kurze Gruppenarbeiten in Break Out Sessions deren Ergebnisse in unserem Pad gesammelt und anschließend diskutiert wurden.

Nachdem die Grundlagen gelegt waren, arbeiteten wir uns von simplen Erzählmustern zu komplexeren Erzählstrukturen heran. Wir suchten Anwendungsgebiete des Storytelling im Alltag und in der Politik und hinterfragten die Wirkungen und Nutzung dieser Erzählstrukturen. So spannten wir einen Bogen vom Erzählen der Unterhaltung willen über die Anwendung von Erzählmustern in der Werbung bis zu politischen Bewegungen, die mit Hilfe von Storytelling Massen bewegen.

Da unser Etherpad unsere Inhalte schön chronologisch und die diskursive Arbeitsweise darstellt ist es Teil der Dokumentation. Weiterhin könnt ihr in eine Geschichte hineinhören, die wir gemeinsam spontan mit Hilfe des Erzählmusters entwickelt haben.

Viel Spaß dabei, es war mir eine außerordentlich große Freude, mit euch erzählt zu haben!

Zunächst einmal die Inhaltliche Dokumentation und im Anschluss dann die Reflexion über die digitale Durchführung:


Aus den bearbeiteten Inhalten

Was macht eine gute Geschichte aus?

  • schwer definierbar
  • man lernt etwas
  • Schreibstil
  • Spannungsverlauf mit Höhepunkt
  • gute Antagonisten (ist das nicht ein Oxymoron) nicht unbedingt weil Antagonist=Gegenspieler ohne Wertung
  • guter Bösewicht vielleicht eher
    • „Der Antagonist in Drama und Prosa ist der hauptsächliche Gegner des Protagonisten und diejenige Kraft der Erzählung, die sein Handeln behindert.“ -wikipedia.org touche? wobei sich das „gut“ ja auf die Struktur
  • Potenzial, sich mit Charakteren zu identifizieren / emotional mitzufiebern –> sehr persönlich
  • keine stereotypischen Charaktere, stattdessen mehrdimenisonale Charaktere
  • Ende sollte nicht offensichtlich sein (?)
  • interessante Figuren
  • Plot Twist (muss natürlich sein, nicht gezwungen ?) Verschiebung von Erwartungen
  • „Moral“ / Botschaft / Aussageabsicht des Autors / Leerstellen vom Leser gefüllt / unterschiedlich deutbar(hängt von subjektiver Wahrnehmung ab)
  • Emotionen wecken
  • Konflikt als Handlungsmotivation
  • angemessener Umfang (die größte, kleinste Geschichte?) – was macht eine Geschichte zur Geschichte?
  • Unterschied zu einem Fakt (formale Kriterien)
  • (subjektiv kann das Genre eine Rolle spielen)
  • Erzählperspektive
  • überspitzte Darstellung/ überarbeitete und aufbereitete Form steigert das Interesse
  • von einer stärkeren Bildlichkeit geprägt als andere Formen der Vermittlung

Wozu erzählen wir Geschichten?

  • Meinung ausdrücken
  • Dinge erklären
  • Kreativität / Fantasie ausleben (z.B. Fanfiction)
  • Verarbeitung von vergangenen Ereignissen im Leben des/der Autor*in
  • Darlegen der eigenen Moralvorstellungen
  • Selbstreflexion, Ergründung des Selbst
  • Festhalten des Zeitgeists
  • Beeinflussung der Masse (Propaganda) / Machtgewinn
  • Rechtfertigung sozialer Zustände
  • Persönliche Rache
  • Ausleben der düsteren Fantasien
  • Aufmerksamkeit
  • Unterhaltung
  • Weitergabe von Informationen
  • Meinungsbildung
  • muss keinen Anlass haben
  • Hoffnungen / Wünsche /Visionen (Science-Fiction)
  • überspitzte Darstellung/ überarbeitete und aufbereitete Form steigert das Interesse
  • von einer stärkeren Bildlichkeit geprägt als andere Formen der Vermittlung
  • Anlass: emotionale Verbindung (mit Menschen / Objekten) – Geschichten machen Erlebnisse greifbarer – Fakten werden zu Geschichten und dadurch verständlich und emotional zugänglich
  • schult Empathie
  • Motive:“Vermächtnis“ bewahren
  • materielle Gründe à z.B. Konsumanreiz
  • Geschichten vermitteln kulturelle Werte – schaffen Gemeinschaft und Zugehörigkeit
    • Bsp: Bibel, Christentum, ist in Geschichten aufgebaut

FRAGEN und IMPULSE, die aufkommen

Klasse! Genau, notiert Fragen und Impulse für die Gruppe 🙂

  • Diskurs innerhalb unserer Gruppe:
    • Ist Beschreiben dasselbe, wie Erzählen? Bzw.: Wo ist die Grenze dazwischen?
  • Frage: Inwiefern kann man den/die Autor*in vom Werk trennen?
  • Sind Geschichten wahr? –> Was ist Wahrheit? Ist Weglassen, Lügen?

Einfaches Grundmuster einer Geschichte

Es war einmal…

Jeden Tag…

Eines Tages…

Deshalb…

Bis schließlich…

Seit diesem Tage…

Was haben Frodo Beutlin mit Luke Skywalker und Katniss Everdeen gemeinsam?

  • Helden (Auserwählte)
  • ähnliche Charaktermerkmale (mutig etc.)
  • trotzdem haben alle ihre Schwächen
  • sind alle sehr „normal“
  • Heldenreise oder Entwicklungsprozesse
  • Underdogs
  • Junge Charaktere
  • Antagonist
  • haben alle einen Mentor & Begleiter
  • werden aus ihrem alltäglichen Dasein herausgerissen/ Revolutionäre mit Ausnahme von Frodo
  • emotionaler Tiefpunkt
  • Happy End
  • tragischer Familienhintergrund (Frodo? – da waren wir uns auch nicht sicher)
  • Mutig
  • (übergeordnetes) Ziel
  • Auftrag
  • besondere Gegnstände (Pfeil + Bogen / Laser-/ Lichtschwert oder Ring vom Onkel/ Vater)
  • Reifen (das ist ein Verb!!) auf ihrer Reise

Der Heros in tausend Gestalten – Joseph Campbell

  • Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) entdeckte strukturelle Gemeinsamkeiten diverser Geschichten
  • entwickelte das Konzept des „Monomythos“ in seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ 1946
  • bekannter als „Heldenreise“ oder „Quest“
  • Christopher Vogler (Mitarbeiter des Filmdepartments an der University of Southern California) vereinfachte Campbells Funde
  • entwickelte den Zyklus der Heldenfahrt in 12 Schritten
  • Grundlage für Großteil von Film-Drehbüchern, Romanen und Cpmuterspiele
  • Der kleine Hobbit und Herr der RingeDer König der LöwenHarry Potter oder Star Wars.

Was zeichnet einen Helden aus? – Mathäus Winkler

Wie Storytelling in Werbung und für politische Bewegungen eingesetzt wird

Storytelling in der Werbung



Welche Elemente des Storytellings sind in der Edeka Werbung erkennbar?

  • ähnelt der Heldenreise
  • Krähe als Ruf des Abenteuers und Mentor
  • alte, gewohnte Welt – Schwelle übertreten, – in neue Welt – wandelt sich, und kehrt dann verändert in gewohnte Welt zurück
  • Musik – emotionale Untermalung
  • starke Symbolik – Farben, Zeitverlauf- Wandel

Warum sind solche Werbungen so wirksam?
Welche Werte werden mit EDEKA durch diese Heldenreise verbunden?

  • positives Gefühl wird mit Edeka verbunden
  • gesunde Beeren = EDEKA ist gesund und GUT
  • Geschichten merken wir uns gut
  • Farbspektren der Marke werden subtil eingebracht
  • man schaut die Werbung bis zum Ende an, weil man die Geschichte zu Ende erfahren möchte
  • kommt auf das Medium an über das die Werbung ausgetrahlt wird
  • auf Youtube sind die Werbeclips kürzer, da klickt man eher weg
  • Eatkarus wurde im Fernsehen ausgetrahlt


  • Problem wird erklärt und gelöst — in der Werbung ist das Produkt die Lösung
  • Bedürfnisse die für alle gemein sind werden geschildert – wir alle wollen das gleiche; gemeinsame Basis


  • vielfältige Meinungen werden repräsentiert – „alle“ Gesellschaftsgruppen kommen zu Wort
  • jeder kann sich damit identifizieren – gemeinsame Botschaft
  • in der Werbung sieht man eigentlich nichts von der Marke selbst sondern all die Individuen, die die Sparkasse zu nutzen
  • wie hebt sich Banken von anderen Banken ab? Hervorstechen mit guten Werten, gehen verantwortungsvoll mit Geld um, man hat einen persönlichen Ansprechpartner
  • Zukunftscharakter, Langlebigkeit

Wie Storytelling in Werbung und für politische Bewegungen eingesetzt wird

Storytelling und politische Bewegungen


Welche Beispiele fallen euch ein?

  • Katholische/evangelische Kirche
    • fußt auf der Bibel, diversen Geschichten – hat einen eigenen Staat
  • Fridays for Future
    • Geschichten wie die von Eisbären die sterben weil deren Schollen wegschwimmen
    • Greta Thunberg als Heldin
  • Black Lives Matter
    • George Floyd – als Figur, sein Schicksal personalisiert das Leid der Massen
  • UNICEF
    • Geschichten von leidtragenden Kindern, die Hilfe benötigen
  • Nationalsozialismus
    • arbeiten mit Geschichten, um gezieltes Mensch,bild zu erzeugen

Achtung!

  • wer erzählt die Geschichte, wer wählt welche Perpektive und mit welcher Absicht?
  • Geschichten enthalten nicht zwangsläufig Fakten
  • wie steht es um die Dimensionen?

Reflexion

Genereller Eindruck

Für mich war das Barcamp und die digitale Durchführung meines Storytelling Kurses einen rundum positive Erfahrung. Ich hatte bereits das Glück, zwei Akademien auf der Burg erleben zu können und war erstaunt, wie viel von dem Enthusiasmus, dem Gefühl der Gemeinsamkeit und dem Interesse an neuen Inhalten und Perspektiven auch im digitalen Format spürbar waren.

Digitales Arbeiten

Bisher war ich gewohnt über Google Meet digital mit mehreren Personen zusammenzuarbeiten und über Google Drive gemeinsam an Dokumenten zu schreiben. Daher war das grundlegende Konzept nicht neu für mich und ich bin recht zuversichtlich in die digitale Akademie gegangen. Neu war letztendlich das Programm Zoom für mich, das ich nach einer Einführung durch das Orgateam jedoch gut bedienen konnte. Besonders hilfreich war die leicht anwendbare Funktion die Teilnehmenden in einzelne Räume schicken zu können.

Diese Breakout Sessions haben für mich das Erarbeiten von Inhalten sehr vereinfacht und interaktiv gestaltet, da die Teilnehmenden durch die Arbeit in Gruppen einen höheren Redeanteil erhielten und im Anschluss stets Raum für Diskussion und Austausch war. Unsere Ideen hielten wir auf einem gemeinsamen Etherpad fest, welches von uns als fortlaufender Notizzettel genutzt wurde. Somit hatten wir stets einen Ort an dem der Inhalt und die Chronologie unseres Kurses dokumentiert wurden.

Inhaltlich konnte ich meinen Kurs, der ursprünglich als Improvisationstheaterkurs geplant war, leicht auf die digitale Arbeitsweise anpassen, indem ich mich auf das Geschichten erzählen fokussierte. Thematische Schwerpunkte wie Werbung und politischen Bewegungen verbanden das Storytelling mit relevanten Aspekten aus dem Alltag und dem gesellschaftlichen Leben, sodass ein Bezug zu aktuellen Ereignissen geschaffen wurde. Daher bin ich mit einem guten Gefühl in die Sitzungen gegangen und war sehr zufrieden mit sowohl der Mitarbeit als auch der Gruppendynamik meiner Teilnehmenden.

Erfahrungen während der Kursarbeit

Zu meiner großen Freude konnten wir trotz physischer Entfernung ein Gefühl der Gemeinsamkeit bilden. Dies gelang durch das Annehmen und Wertschätzen der Ideen während unserer kreativen Arbeit die allen Spaß gemacht hat und somit eine sehr gelöste und herzliche Atmosphäre schuf. Ich hätte nicht erwartet, dass sich so ein schönes Miteinander entwickelt und bin positiv überrascht, dass dies sich auch im digitalen Kontext entwickelt hat.

Nachdem wir uns alle mit den technischen Gegebenheiten arrangiert hatten (z.B. Redebeiträge durch eine feste Reihenfolge beim Geschichten-Entwickeln festlegen) konnte der kreative Prozess flüssiger entstehen.

Gefehlt hat mir das persönliche Gespräch mit den Teilnehmenden weil man sich letztendlich nur während der Kurszeit begegnet und da nicht viel Raum für Austausch blieb bzw. dann stets zwangsläufig alle mithören. Das sind die Momente die auf der Akademie mit physischer Anwesenheit spontan entstehen und eine Nähe schaffen, die man nur ganz gezielt und mit bewusstem Aufwand versuchen kann zu schaffen, wenn man digital zusammenarbeitet. Hier könnte man über Buddygroups nachdenken, in denen man zusammenkommt, um gemeinsam zu reflektieren und problematische aber auch schöne Erfahrungen in der Zusammenarbeit teilt.

Manchmal fiel es mir auch schwer einzuschätzen wie aufmerksam einige Teilnehmende am Geschehen teilnahmen, da man nicht überprüfen kann, was nebenher auf dem Bildschirm bearbeitet wird. Dennoch blieb dieses Gefühl eine Ausnahme und ich bin wirklich sehr zufrieden mit der Entwicklung der Gruppe und den Ergebnissen des Kurses.

Lessons Learned
  • Digitale Treffen des Teams der Betreuenden organisieren, damit eine stärkere Einheit entsteht
  • Aspekte der Partizipation beibehalten. Es sind großartige Inhalte aus der interessensbasierten Arbeit der Teilnehmenden entstanden. Diesem Schaffenspotenzial sollte weiterhin Raum gegeben werden
  • Mehr Bewegungsangebote einplanen, bzw. mehr Körperübungen inkludieren, damit man nicht den ganzen Tag sitzt.

Instrumentalmusik

Instrumentalmusik

Räumlich getrennt – gemeinsam musizieren
(Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Musisch-kulturelle Kurse)


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 2. November 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor: Rüdiger Kling


Kursziele

Unter dem Motto „Räumlich getrennt – gemeinsam musizieren“ trat der Instrumentalmusikkurs in einem digitalen Format an. Die grundlegende Idee bestand darin, dass eine konkrete Besetzung des Ensembles nicht notwendig ist, da ein*e Musiker*in mehrere Stimmen hintereinander einspielen und anschließend übereinanderlegen kann. Dies gilt natürlich vergleichbar für Pianist*innen, die durch ein derartiges Format in die Lage versetzt werden, ein vierhändiges Stück darzubieten. Aufgrund der Verzögerung des akustischen Signals, die während einer Videokonferenz entsteht, wäre ein gleichzeitiges Musikzieren nur ohne die direkte Übertragung des Tons möglich und verlöre dadurch ihren Reiz. Daher war der Kurs von Beginn an auf die Produktion von Audio- und Videoaufnahmen ausgelegt. Ziel war die Erstellung eines Videos, zu dem jede*r Kursteilnehmer*in eine oder mehrere Audio- und Videospuren beiträgt.


Voraussetzungen und Planung

Alle Kursteilnehmer*innen waren mit dem digitalen Distanzunterricht in schulischem oder universitärem Kontext vertraut. Auch aus dem individuellen Instrumentalunterricht waren den Musiker*innen Chancen und Schwierigkeiten beim Zusammenspiel vertraut. Neu war hingegen das bewusste Einbinden von Tonaufnahmen in den musikalischen Prozess des Zusammenspiels. Umgesetzt werden kann dies durch die eigene Aufnahme mehrerer Tonspuren und den anschließenden Zusammenschnitt. Dies stellt keine großen Anforderungen an die technische Ausrüstung – jedes Smartphone kann Audio- und Videoaufnahmen anfertigen –, wohl aber an die eigene Spieldisziplin dar. In dieser Art des Probens werden zunächst zwei musikalische Schwerpunkte gelegt: Rhythmustraining und Selbstreflexion.

Um zwei gleichwertige Tonspuren zu erhalten, die später zu einem mehrstimmigen Stück zusammengefügt werden können, ist ein Orientierungspunkt notwendig. Hier gibt es die Möglichkeiten, mit einem Metronom, einer zuvor eingespielten Stimme zur Orientierung oder einem aufgezeichneten Dirigat zu arbeiten.


Durchführung

In einem ersten Schritt in der Kursarbeit wurden daher Duette eingespielt. Die Musiker*innen nahmen aus ihrer persönlichen Notenliteratur ein ihnen bereits bekanntes und gut geprobtes Duett und spielten beide Melodiestimmen ein. Eine direkte Art der Selbstreflexion des eigenen Spiels setzte beim Anhören des eben aufgezeichneten Teils ein. Dieser Prozess beginnt also noch bevor das musikalische Ergebnis mit den anderen Kursteilnehmer*innen geteilt wird und führt nicht selten zu einer Wiederholung der Aufnahme. Sind beide Stimmen auf diese Art eingespielt, werden sie mit einem Audio-Schnittprogramm zusammengefügt. Nun erfolgt ein weiterer Revisionsdurchgang, denn erst beim Zusammenklang beider Stimmen werden manche rhythmischen oder intonatorischen Problemstellen hörbar. Letztlich erfolgte die Vorstellung eines vorläufigen Ergebnisses in der gesamten Gruppe.

Die Arbeit an den Duetten bestimmte die ersten Kurseinheiten und wurde in einem zweiten Schritt von einem gemeinsam zu spielenden Stück ergänzt. Hierfür wurde eine Adaption des Popsongs „You raise me up“ verwendet. Wenngleich dieses Stück vom Schwierigkeitsgrad deutlich unter den persönlichen Möglichkeiten der Kursteilnehmer*innen lag, stellte das Zusammenspiel doch eine Herausforderung für alle Musiker*innen dar. Neben dem exakten rhythmischen Einspielen kamen nun noch Aspekte der musikalischen Gestaltung in Dynamik, Ausdruck und Phrasierung hinzu. Erarbeitet wurden diese zumeist durch Ansprechen zu Beginn einer Probephase, der individuellen Umsetzung und Aufnahme sowie dem anschließenden Begutachten des eigenen Produkts. Dies erfolgte später im Zusammenklang mit bereits vorhandenen Tonspuren, was zu einer stetigen Verbesserung des musikalischen Endergebnisses führte.



Beobachtungen

Durch die räumlich getrennte Arbeit laufen die Prozesse des Annäherns an die gemeinsame musikalische Interpretation deutlich langsamer als im direkten Zusammenspiel. Während man sich beim gemeinsamen Musizieren in einem Raum auf die übrigen Musiker*innen einstellt, erfolgt dieser Effekt erst mit deutlicher Zeitverzögerung und erhöhtem technischen Aufwand (Aufnahme, Übermittlung, Schnitt, Hörprobe). Dies tritt bei einem Duett „mit sich selbst“ kaum auf. Hierbei steht vielmehr die technisch gleiche Umsetzung beider Stimmen im Vordergrund.


Fazit

Ein digitaler Kurs kann ein wirkliches gemeinsames Instrumentalspiel nicht ersetzen. Auch ein digitales Produkt kommt an ein Konzert vor Publikum nicht heran. Daher ist es sinnvoll, die Perspektive zu wechseln. Betrachtet man also nicht das, was digitale Instrumentalmusik nicht kann, sondern die Möglichkeiten, welche diese Form des Musizierens über das reine häusliche Üben hinaus auszeichnet, so finden sich durchaus lohnende Aspekte: Sowohl die gemeinsame Arbeit an einem Endprodukt als auch das kontinuierliche Feedback erhöhen die Motivation für das eigene Instrumentalspiel. Hinzu kommt, dass die kritische Reflexion des eigenen Ergebnisses (zumindest in unserem Kurs) noch erhöht wurde. Dies ist mit einfachen technischen Mitteln umsetzbar und ermöglicht es so, das eigene Instrumentalspiel weiterzuentwickeln und die Fortschritte auch über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren – und dies kommt wiederum einem künftigen gemeinsamen Konzert vor Publikum zugute.

Online-Chorproben

Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Musisch-kulturelle Kurse

Online-Chorproben


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autorin: Stella Dörner


The experience will not only keep your choir singing, but it will also give them encouragement, hope, and peace through these times.

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Chöre auf der ganzen Welt haben die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie zu spüren bekommen. Viele von ihnen sind aus der Not heraus, nicht mehr gemeinsam singen zu dürfen, in kürzester Zeit kreativ geworden und haben das Format der Online-Proben ins Leben gerufen. Ebenso ist es auch meinen Chören ergangen, daher möchte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse hier festhalten und allen zur Verfügung stellen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen oder einfach nur neugierig sind.

Im Folgenden wird der Einfachheit halber bei allgemeinen Personenbezeichnungen nur die maskuline Form angegeben. Selbstverständlich ist die feminine Form stets impliziert.

Gründe für Online-Chorproben

 Chorproben in den digitalen Raum zu legen, kann viele Gründe haben. Ausgehend von der offenkundigen Notwendigkeit, den Chorbetrieb aufrecht zu erhalten, kann das Format die Verbundenheit der Chormitglieder untereinander bzw. den Sinn für Gemeinschaft stärken. Besonders in Zeiten der Isolation ist ein Gemeinschaftssinn sehr wichtig; soziale Kontakte (wenn auch digital) sind gut für die Seele und helfen die Menschen daran zu erinnern, dass sie nicht alleine in dieser Ausnahmesituation sind. Abgesehen von der Möglichkeit, weiterhin Musik machen und sich verbessern zu können, kann es für viele ein Termin in der Woche bedeuten, auf den man sich freuen kann; der eine Art Routine herstellt, die etwas Normalität in diese verrückte Zeit bringt. Selbst wenn sich einzelne Sänger möglicherweise in einem anderen Land oder Bundesland aufhalten, können alle im digitalen Raum zusammenfinden und gemeinsam die Energie und Leidenschaft im Chor pflegen. Dies kann sogar eine Chance darstellen, auch nach der Rückkehr zu physischen Proben die technischen Möglichkeiten weiterhin zu nutzen, um Menschen zusammenzubringen. Gerade im Hinblick auf die Zeit, wenn gemeinsames Singen (v. a. in größeren Gruppen) wieder sicher und erlaubt ist, können Online-Proben eine gute Möglichkeit der Vorbereitung sein; besonders wenn es um mögliche Konzerte geht. Außerdem eröffnet sich die Gelegenheit, sich auf besondere Lernaspekte fokussieren, für die sonst nur wenig Zeit ist, wie etwa Gesangstechnik, Blattsingen, Performance, Erarbeitung von neuem Repertoire etc.

Technische Aspekte

Die erste Priorität bei Online-Chorproben ist, dass die SängerInnen den/die ChorleiterIn gut sehen und hören können. Besonders gute Erfahrungen habe ich mit folgender Ausstattung gemacht:

  • Computer
  • Webcam
  • E-Piano
  • Mikrofon mit Ständer
  • Interface

Der Anschluss des Mikrofons sowie E-Pianos an den Computer über ein Interface sorgt für einen glasklaren, rauschfreien Klang am Endgerät; ohne ein solches muss man damit rechnen, dass bestimmte Frequenzen nicht wiedergegeben werden oder gleichzeitiges Singen und Klavierspielen sich gegenseitig auslöscht.

Leider ist gemeinsames Singen aufgrund der zeitlichen Verzögerung der digitalen Signale nicht möglich; die Sänger müssen während der Probe stumm geschaltet sein. Folglich können die Sänger sich auch nicht gegenseitig hören. Ein nicht zu verachtender Vorteil gegenüber physischen Proben ist allerdings, dass alle permanent gleichzeitig singen können; niemand muss warten, bis eine andere Stimmgruppe fertig ist, sondern kann währenddessen seine eigene Stimme weiterüben. Ein weiterer großer Vorteil dieser Aufstellung ist, dass alle den/die Chorleiterin zu jeder Zeit gut sehen können, was bei großen Chören physisch nicht immer gegeben ist (das erleichtert z. B. Formen von Vokalen etc., da man die Mimik des Chorleiters besser spiegeln kann). Außerdem können die Proben aufgenommen werden, sodass sie allen Sängern jederzeit zur eigenständigen Rekapitulation zur Verfügung stehen. Ferner erlaubt z. B. der Anbieter Zoom sogenannte „break-out-rooms“, die kleinere Gruppenbildung innerhalb eines Meetings erlaubt; für meine eigene Chorarbeit nutze ich diese Option jedoch nicht.

Eine Sache, die es noch zu beachten gilt, ist dass die SängerInnen die Noten entweder in Papierform oder auf einem zweiten Endgerät (z. B. Tablet) vorliegen haben sollten, da das Wechseln zwischen Noten und Online-Probe auf einem Endgerät etwas mühselig werden kann.

Methodisch-didaktische Aspekte

Wenn man den Umstand akzeptiert, dass man digital zwar gleichzeitig, jedoch nicht gemeinsam singen kann und den Fokus auf die individuelle Entwicklung und Selbst-Evaluation der Sänger legt, eröffnen sich neue Lernbereiche, die in physischen Proben selten Raum finden.

Die SängerInnen hören nur sich selbst und den Chorleiter. Dies kann zu Beginn eine gewisse Hemmschwelle darstellen, doch wenn diese einmal überwunden ist, lernen die Sänger den Klang und die Funktionsweise ihrer eigenen Stimme besser kennen. Darüber hinaus üben sie, ihre Melodie alleine zu halten, oft sogar gegen eine andere Stimme, was eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit ist. Dadurch entwickelt sich eine neue Fehlerkultur: Sänger lernen, schwierige Stellen selbst zu lokalisieren und diese dem Chorleiter rückzumelden. Dieser kann dann darauf eingehen und die entsprechenden Stellen wiederholen bzw. die Methode des Einstudierens anpassen. Der Chorleiter kann zwar kein direktes Feedback zur Umsetzung geben, dafür jedoch zumindest antizipatorische Hinweise auf Basis von Erfahrungswerten geben; auch das häufigere Widerholen von Passagen als beim physischen Proben unterstützt den Lernprozess. Außerdem können sich die Sänger ihre eigene Videofunktion zunutze machen, indem sie sich selbst beim Singen beobachten und mit dem Chorleiter vergleichen.

Der Umfang einer Online-Chorprobe sollte m.E. nicht länger als eine Stunde betragen, da die Konzentration der Sänger im Vergleich zu physischen Proben stark erhöht ist und sich dementsprechend Ermüdungserscheinungen früher einstellen. Hilfreich können in diesem Kontext kleine RoutineElemente wie Warm-Ups oder etwas Zeit für privaten Austausch nach der Probe sein, da sie die Situation vom Alltag abgrenzen und eine positive Atmosphäre schaffen können.

Chancen und Herausforderungen

Alleine zuhause zu singen stellt verständlicherweise für viele eine gewisse Hemmschwelle dar; sei es, weil man den eigenen Klang der Singstimme nicht gewohnt ist, oder weil man nicht gerne von Familienmitgliedern, Mitbewohnern oder Nachbarn gehört werden möchte. Auch eine schlechte Internetverbindung oder ein zu kleines Endgerät kann Unbehagen auslösen, wenn dadurch das Gefühl eines mitsingenden „Gegenübers“ nicht zum tragen kommt. Hinzu kommt, dass der Chorleiter nicht wie gewohnt präzises Feedback geben kann, also nicht auf den „angebotenen“ Klang der Chorsänger reagieren kann. Hier spielen Erfahrungswerte eine wichtige Rolle: der Chorleiter kann Schwierigkeiten in einem Stück antizipieren und diese vorbeugend thematisieren.

Eine positive Auswirkung dieses Settings kann aber sein, dass die Sänger sich in Autonomie üben; eben aufgrund des fehlenden Feedbacks tragen sie eine höhere Eigenverantwortung, Fehler und Schwierigkeiten zu erkennen sowie zu artikulieren und den musikalischen Ausdruck des Chorleiters zu übernehmen. Diesbezüglich spielt die direkte Spiegelung des Chorleiters durch die Sänger eine wichtige Rolle, was Ersterem die Chance bietet, die eigenen Vorstellungen eines Stückes möglichst präzise vorzusingen. Normalerweise würde ein Chorleiter darüber hinaus eher selten mit dem Chor gemeinsam singen; da dies bei Online-Proben jedoch eher die Norm als Ausnahme ist, kann die direkte Spiegelung umso leichter fallen, da sowohl die auditive als auch die visuelle Komponente unmittelbar wahrgenommen werden. Eine Herausforderung für den Chorleiter könnte dabei das gleichzeitige Klavierspielen und Singen einer bestimmten Chorstimme sein, was je nach Schwierigkeitsgrad des Stückes gut vorbereitet sein muss. Außerdem muss der Chorleiter entscheiden, ob er konsequent am Klavier begleitet oder auch einzelne Passagen in die Kamera dirigieren möchte; dies ist m. E. stark von den bisherigen individuellen Gewohnheiten abhängig.

Ein weiterer praktischer Vorteil von Online-Proben ist die Tatsache, dass der Anfahrtsweg wegfällt. Dadurch werden auch mehrere kurze Proben im Laufe der Woche möglich, was sich auch auf die Motivation der Sänger auswirken kann; nach einem langen Home-Office-Tag vor dem Computer kann eine kürzere Probe für viele ein Anreiz sein, sich für die Teilnahme an der Probe zu entscheiden. Darüber hinaus können im Gegensatz zu physischen Proben auch solche Chormitglieder teilnehmen, die möglicherweise krank sind; indem sie zuschauen und mithören, verringert sich das Risiko, dass sie etwas verpassen.

Auf der technischen Seite bieten viele Plattformen wie zoom die Möglichkeit, Sitzungen aufzunehmen. Wenn man das nutzt, stehen allen Sängern die Inhalte auch außerhalb der Proben zur Verfügung und können zum eigenständigen Üben verwendet werden. Während einer Probe ist außerdem die Interaktivität zwischen Sängern und Chorleiter gegeben: es können jederzeit durch das selbstständige „Entstummen“ oder über den Chat Fragen gestellt werden, auf die der Chorleiter eingehen kann. Gleichzeitig ist die Effizienz einer Probe im Vergleich zum physischen Gegenstück gesteigert, da das Schwätzen mit dem Nachbarn wegfällt und dadurch eine höhere Konzentration herrscht. Dennoch bietet das Online-Format allen Beteiligten die Gelegenheit, sich etwas privater zeigen zu können, etwa wenn die eigenen Kinder oder Haustiere vor der Kamera erscheinen. So können sie einander auf eine andere Weise wahrnehmen und besser kennen lernen.

Warm-up Übungen für Körper und Atem

Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Musisch-kulturelle Kurse

Warm-up Übungen für Körper und Atem


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autorin: Stella Dörner


Die Übungen können nach Belieben zusammengestellt werden.

  • Augen schließen. Atem beobachten, ohne etwas verändern zu müssen. Augen ruhen in den Augenhöhlen. Gewicht mal nach vorne, mal nach hinten verlagern (langsam pendeln), dabei Kontakt zum Boden spüren. Varianten: kreisförmig „wie ein Uhrzeiger“ oder in „Achten“ pendeln
  • Strecken: Abwechselnd mal den rechten, mal den linken Arm nach oben verlängern, dabei einatmen. Die Zwischenrippenmuskulatur dehnt sich. Beim Ausatmen langsam zurück in die Ausgangsposition.
  • Hüftbreit stehen, Knie sind nicht durchgedrückt. Der Kopf wird schwer und zieht langsam den ganzen Oberkörper herunter. Arme und Kopf baumeln. Tief ein- und ausatmen. Beim Ausatmen Spannungen lösen (Nacken, Rücken etc.). Ausdehnung und Kontraktion im Körper beobachten (Was ist beteiligt? Bauch, Rippen, unterer Rücken?). Mit der Einatmung langsam aufrichten, dabei beobachten, wie sich ein Wirbel langsam über den anderen schiebt.
  • Geschmeidigkeit im Körper: Wir stehen mit einem Fuß vorne, der hintere Fuß steht dazu im 45°- Winkel. Frei bewegen aus den Knien heraus (-> Hüfte darf sich frei dazu bewegen), dabei Atem fließen lassen, alle Richtungen ausprobieren. Schrittwechsel; die Schultern geben jetzt die Bewegungsrichtung vor, Knie und Hüfte bleiben beweglich. Schrittwechsel; die Ellenbogen führen jetzt, weiterhin alle Dimensionen (vorne, hinten, rechts, links, oben, unten). Als letztes führen die Handgelenke, dann auch mit beweglichen Fingern („in der Luft Klavier spielen“).
  • Geräuschvoll ausatmen (z. B. auf die Laute f, s [stimmlos] oder sch), dabei zieht sich der untere Bauch ein. Am Ende der Luft Unterkiefer und Spannung im Bauch lösen; dabei „fällt“ die Luft von alleine ein
  • Daumen und Zeigefinger halten einen imaginären Strohhalm, durch den wir einatmen. Beobachten: welche Bereiche des Körpers werden aktiv? (Bauch, Brustkorb, nach vorne, zur Seite?)