Instrumentalmusik

Instrumentalmusik

Räumlich getrennt – gemeinsam musizieren
(Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Musisch-kulturelle Kurse)


Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 2. November 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt), PDF-Fassung dieses Teils (in Vorb.)

Autor: Rüdiger Kling


Kursziele

Unter dem Motto „Räumlich getrennt – gemeinsam musizieren“ trat der Instrumentalmusikkurs in einem digitalen Format an. Die grundlegende Idee bestand darin, dass eine konkrete Besetzung des Ensembles nicht notwendig ist, da ein*e Musiker*in mehrere Stimmen hintereinander einspielen und anschließend übereinanderlegen kann. Dies gilt natürlich vergleichbar für Pianist*innen, die durch ein derartiges Format in die Lage versetzt werden, ein vierhändiges Stück darzubieten. Aufgrund der Verzögerung des akustischen Signals, die während einer Videokonferenz entsteht, wäre ein gleichzeitiges Musikzieren nur ohne die direkte Übertragung des Tons möglich und verlöre dadurch ihren Reiz. Daher war der Kurs von Beginn an auf die Produktion von Audio- und Videoaufnahmen ausgelegt. Ziel war die Erstellung eines Videos, zu dem jede*r Kursteilnehmer*in eine oder mehrere Audio- und Videospuren beiträgt.


Voraussetzungen und Planung

Alle Kursteilnehmer*innen waren mit dem digitalen Distanzunterricht in schulischem oder universitärem Kontext vertraut. Auch aus dem individuellen Instrumentalunterricht waren den Musiker*innen Chancen und Schwierigkeiten beim Zusammenspiel vertraut. Neu war hingegen das bewusste Einbinden von Tonaufnahmen in den musikalischen Prozess des Zusammenspiels. Umgesetzt werden kann dies durch die eigene Aufnahme mehrerer Tonspuren und den anschließenden Zusammenschnitt. Dies stellt keine großen Anforderungen an die technische Ausrüstung – jedes Smartphone kann Audio- und Videoaufnahmen anfertigen –, wohl aber an die eigene Spieldisziplin dar. In dieser Art des Probens werden zunächst zwei musikalische Schwerpunkte gelegt: Rhythmustraining und Selbstreflexion.

Um zwei gleichwertige Tonspuren zu erhalten, die später zu einem mehrstimmigen Stück zusammengefügt werden können, ist ein Orientierungspunkt notwendig. Hier gibt es die Möglichkeiten, mit einem Metronom, einer zuvor eingespielten Stimme zur Orientierung oder einem aufgezeichneten Dirigat zu arbeiten.


Durchführung

In einem ersten Schritt in der Kursarbeit wurden daher Duette eingespielt. Die Musiker*innen nahmen aus ihrer persönlichen Notenliteratur ein ihnen bereits bekanntes und gut geprobtes Duett und spielten beide Melodiestimmen ein. Eine direkte Art der Selbstreflexion des eigenen Spiels setzte beim Anhören des eben aufgezeichneten Teils ein. Dieser Prozess beginnt also noch bevor das musikalische Ergebnis mit den anderen Kursteilnehmer*innen geteilt wird und führt nicht selten zu einer Wiederholung der Aufnahme. Sind beide Stimmen auf diese Art eingespielt, werden sie mit einem Audio-Schnittprogramm zusammengefügt. Nun erfolgt ein weiterer Revisionsdurchgang, denn erst beim Zusammenklang beider Stimmen werden manche rhythmischen oder intonatorischen Problemstellen hörbar. Letztlich erfolgte die Vorstellung eines vorläufigen Ergebnisses in der gesamten Gruppe.

Die Arbeit an den Duetten bestimmte die ersten Kurseinheiten und wurde in einem zweiten Schritt von einem gemeinsam zu spielenden Stück ergänzt. Hierfür wurde eine Adaption des Popsongs „You raise me up“ verwendet. Wenngleich dieses Stück vom Schwierigkeitsgrad deutlich unter den persönlichen Möglichkeiten der Kursteilnehmer*innen lag, stellte das Zusammenspiel doch eine Herausforderung für alle Musiker*innen dar. Neben dem exakten rhythmischen Einspielen kamen nun noch Aspekte der musikalischen Gestaltung in Dynamik, Ausdruck und Phrasierung hinzu. Erarbeitet wurden diese zumeist durch Ansprechen zu Beginn einer Probephase, der individuellen Umsetzung und Aufnahme sowie dem anschließenden Begutachten des eigenen Produkts. Dies erfolgte später im Zusammenklang mit bereits vorhandenen Tonspuren, was zu einer stetigen Verbesserung des musikalischen Endergebnisses führte.



Beobachtungen

Durch die räumlich getrennte Arbeit laufen die Prozesse des Annäherns an die gemeinsame musikalische Interpretation deutlich langsamer als im direkten Zusammenspiel. Während man sich beim gemeinsamen Musizieren in einem Raum auf die übrigen Musiker*innen einstellt, erfolgt dieser Effekt erst mit deutlicher Zeitverzögerung und erhöhtem technischen Aufwand (Aufnahme, Übermittlung, Schnitt, Hörprobe). Dies tritt bei einem Duett „mit sich selbst“ kaum auf. Hierbei steht vielmehr die technisch gleiche Umsetzung beider Stimmen im Vordergrund.


Fazit

Ein digitaler Kurs kann ein wirkliches gemeinsames Instrumentalspiel nicht ersetzen. Auch ein digitales Produkt kommt an ein Konzert vor Publikum nicht heran. Daher ist es sinnvoll, die Perspektive zu wechseln. Betrachtet man also nicht das, was digitale Instrumentalmusik nicht kann, sondern die Möglichkeiten, welche diese Form des Musizierens über das reine häusliche Üben hinaus auszeichnet, so finden sich durchaus lohnende Aspekte: Sowohl die gemeinsame Arbeit an einem Endprodukt als auch das kontinuierliche Feedback erhöhen die Motivation für das eigene Instrumentalspiel. Hinzu kommt, dass die kritische Reflexion des eigenen Ergebnisses (zumindest in unserem Kurs) noch erhöht wurde. Dies ist mit einfachen technischen Mitteln umsetzbar und ermöglicht es so, das eigene Instrumentalspiel weiterzuentwickeln und die Fortschritte auch über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren – und dies kommt wiederum einem künftigen gemeinsamen Konzert vor Publikum zugute.