Warum ein digitales Barcamp?

Methodisch-didaktische Reflexion einer Antwort auf den pandemiebedingten Notstand
(Dokumentation des #hsaka barcamp 2020: Webfassung)

Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Links: #hsaka barcamp 2020, PDF-Fassung der Gesamt-Doku (gekürzt)

Autor: Peter Gorzolla

Nach der pandemiebedingten Absage der Hessischen Schülerakademie für die Oberstufe 2020 fiel die Entscheidung für eine digitale Ersatzveranstaltung vor allem auf Grundlage des Wunsches, Schüler*innen und Studierende nicht im Regen stehen zu lassen, die sich bereits seit Wochen auf die HSAKA vorbereitet hatten. Die Arbeit in den Fachkursen sollte online zu Ende geführt werden können, unter Begleitung von möglichst vielen musisch-kulturellen Angeboten. Die Erwartungen waren gering, die Skepsis unter allen Beteiligten groß – und dann wurden unsere Erwartungen doch noch auf das Angenehmste enttäuscht:

Diese Grafik zeigt die Visualisierung von Stichwortnennungen, mit denen die Teilnehmer*innen die Veranstaltung beschreiben sollten. Das Ergebnis überraschte nicht nur uns: Ausgerechnet Gemeinschaft ist die zentrale Erfahrung einer nicht unanstrengenden digitalen Ferienveranstaltung am Ende eines definitiv anstrengenden Schulhalbjahres der digitalen Isolation?

Wir betrachten dieses Ergebnis, das durch eine Reihe direkter Feedbackbeiträge bestätigt wird, als uneingeschränkten Erfolg. Und wenn wir auch in keiner Weise Modellhaftigkeit beanspruchen wollen, erscheint es uns sinnvoll und angemessen, einige unserer Reflexionen über die Ursachen und Grundlagen dieser erfolgreichen Erfahrung zu teilen.

Reduktion

In Reaktion auf die „digitale Gesamtbelastung“ der Schüler*innen am Ende des zumeist vor einem Rechner verbrachten Halbjahrs haben wir das reine Ausmaß unseres Angebots reduziert: weniger Fachkurseinheiten; weniger musisch-kulturelle Kurszeiten; insgesamt weniger Pflichttermine und auch in absoluten Stunden betrachtet weniger Veranstaltungszeiten im Tages- und Wochenablauf.

Damit einher ging eine allgemeine Reduktion von Komplexität: weniger unterschiedliche Angebote; wenige und zentrale Anlaufstellen und Informationspunkte; nur notwendige Tools und Kommunikationsmittel; möglichst keine Parallellösungen.

Freiwilligkeit

Jenseits der Arbeit in den Fachkursen (die als Grundlage für die Teilnahme an der gesamten Veranstaltung einen quasi-verbindlichen Charakter besaßen) war kein anderes Angebot im Verlauf des #hsaka barcamp in irgendeiner Form verbindlich. Alle Kurse, Veranstaltungstermine und sonstigen Inhalte stellten optionale Angebote und Empfehlungen dar.

Die Möglichkeit, jederzeit in ein laufendes Angebot einzusteigen, hatte nur dort ihre Grenzen, wo die Struktur der Angebote das nicht zu ließ. Eine solche Offenheit der Kursangebote funktioniert natürlich nur dann, wenn die Teilnahme- oder Quereinstiegsbedingungen für jedes einzelne Angebot transparent gemacht werden.

Im Ergebnis hatten wir Teilnahmequoten von über 75% bei den zentral organisierten Angeboten (wie den musisch-kulturellen Kursen und dem Barcamp).

Freiräume

Die Reduktion im Zeitplan schuf Freiräume im Tagesablauf. Es stand Zeit zur Verfügung, um Anderes oder Eigenes zu schaffen, um Neues zuzulassen.

Durch den Verzicht auf die Teilnahmeverpflichtung entstanden Freiräume im Kopf. Den Teilnehmenden erwuchsen Möglichkeiten und Freiheiten, um eigene Ideen zu entwickeln und selbstständig umzusetzen.

Wir haben diese Freiräume noch mit materiellen Ressourcen ausgestattet, indem wir proaktiv digitale Räume in den Freiphasen zur Verfügung gestellt haben. Dazu erging die explizite Einladung, diese Räume mit Inhalten zu bespielen und für eigene Angebote zu nutzen.

Partizipation

Damit in Zusammenhang steht, dass alle Teilnehmenden beständig von uns aufgefordert wurden, sich zu trauen: Initiative zu zeigen, Ideen zuzulassen, Vorschläge auszusprechen, eigene Angebote zu formulieren. Alle Teilnehmenden konnten eigene Veranstaltungsbeiträge und Termine als Ergänzung in das Gesamtprogramm eintragen – und von diesem Angebot wurde rege Gebrauch gemacht.

Neben der Aufforderung zur Gestaltung von entstandenen Freiräume stand dann noch das eigentliche Barcamp: eine mehrtägige, gemeinsame Un-Konferenz zum Thema „Bildung nach Corona“, die in Anlehnung an das Open Space-Modell von den Teilnehmenden in mehreren Sitzungsgruppen (sessions) selbstorganisiert ausgestaltet wurde. In diesen Gruppen folgten dem Erfahrungsaustausch mehrere produktorientierte Arbeitsphasen. Auf diese Weise entstanden eine Präsentation über das aktuelle Bildungssystem in Entwicklungsländern, ein Ratgeber zur Persönlichkeitsentwicklung trotz heimischer Isolation und ein Brief an den Kultusminister (als Schirmherrn der HSAKA) mit Beobachtungen und Verbesserungsvorschlägen für die digitale Infrastruktur an Schulen.

Online und multimedial

Die vollständigen Arbeitsprodukte des Barcamps, Auszüge aus den Evaluationsergebnissen, mehr Bilder und weitere Medienprodukte finden Sie auf den weiteren Seiten dieser Webfassung.

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