Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Zur Einführung

Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Autor*innen: Hoda Alaa, Shams Sami & Felix Rausch

Beim Begriff „Theater“ denkt man an zunächst an Autoren wie Shakespeare und Brecht oder an Menschen in Kostümen, die vor Publikum ein Theaterstück „performen“. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch auch Bereiche des Themenkomplexes „Politik“, bei denen der Übergang zum Theater mehr oder weniger fließend verläuft.

Um diesen Aspekt des Politischen näher auszuleuchten, haben wir aktuelle wie historische politische Ereignisse methodisch aus der Theaterbrille betrachtet. Leitend für unsere Arbeit war hierbei ein doppelter Theaterbegriff: Zum einen der Inszenierungscharakter und zum anderen die Dramatik und Theatralik. Neben der Propaganda in Filmen, bei denen kein Hehl daraus gemacht wird, dass es sich um eine Inszenierung handelt, ist Politik eher als eine „inoffizielle“ Inszenierung zu betrachten. Inszeniert heißt dabei nicht automatisch, dass etwas „unwahr“ ist. Es bedeutet lediglich, dass ein Sachverhalt übertrieben und performativ dargestellt wird, um einzelne Aspekte zu verdeutlichen; so wie im Theater – wo Emotionen und Bewegungen so groß und theatralisch ausgeführt werden müssen, dass selbst in der fünfzehnten Reihe noch alle verstehen, worum es geht.

Politik als Organisation von Gemeinschaft(en) vollzieht sich in unterschiedlichsten Formen. Insbesondere in Krisensituationen kommt dabei kulturübergreifend ein Phänomen zum Tragen, dass in den Kulturwissenschaften als „soziales Drama“ (Victor Turner) bezeichnet wird:

Jede Gemeinschaft und Gesellschaft hat Normen und unausgesprochene Regeln, die als selbstverständlich gelten und die unhinterfragt befolgt werden. Sie verändern sich über die Zeit und unterscheiden sich je nach Kultur und Land. Im Mittelalter wird der Herrscher von Gott auserwählt, im 18. Jahrhundert in England darf man keine Hochzeite am Nachmittag feiern, und im Ndembu-Volk in Afrika muss der neue Herrscher vor seiner Krönung vom Volk gedemütigt werden. Bei seinem Aufenthalt bei ebendiesem Volk kam Victor Turner zu der Erkenntnis, dass Konflikte innerhalb einer Gemeinschaft in der Regel durch das Brechen ihrer Regeln und damit ihrer sozialen Strukturen verursacht werden. Das kollektive Auflösen solcher Konflikte vollzieht sich in einer Form, welche dem klassischen Verlauf eines Dramas sehr ähnelt.

Beginn des sozialen Dramas ist der Bruch einer der grundsätzlichen Regeln seiner Gemeinschaft durch einen Akteur. Dies kann von einem strafrechtlichen Vergehen reichen bis hin zum Infragestellen der Rolle und Aufgaben eines politischen Amtes. Die Folgen dieses Bruchs der sozialen Struktur ist eine offene soziale Krise, in der die Gemeinschaft ihre Struktur hinterfragt und am Ende zu einer Lösung kommt, beispielsweise in der Neuanpassung der gemeinschaftlichen Odnung oder auch im Ausschluss des „Täters“ aus der Gemeinschaft.

In der Klimax, dem Anpassungsprozess, erfolgt die Konfliktlösung des ganzen Geschehnisses. Dieser kann je nach Situation auf unterschiedliche Weise ablaufen: durch eine Rebellion, einen Krieg, eine Gerichtsverhandlung oder durch ein Ritual. In unserer Sitzung haben wir uns insbesondere der rituellen Krisenbewältigung gewidmet: Zunächst wird der Protagonist aus dem Alltag getrennt (Separation), aus seinem vorherigen Leben innerhalb der Gemeinschaft für eine gewisse Zeit ausgeschlossen (Seklusion) und in der Gesellschaft mit einer neuen Identität integriert (Wiedereinführung). Rituale trennen das Alte vom Neuen. Somit ist man im Vergleich zu der Situation vor dem Ritual in einem neuen Zustand.

Während des Rituals befindet man sich in einem Zwischenzustand der Liminalität, im Übergang vom Alten zum Neuen. Diese Phase ist die Phase der Anti-Struktur bei der es keine Ordnung gibt und alle Akteure in Communitas miteinander als Gleiche verbunden sind. Das Verhältnis, das sich bei den Beteiligten während der liminalen Phase bildet, bezeichnet Turner als „Passage“ zwischen den Zeiten vor und nach dem Ritual. Die Rollenverteilung oder die Hierarchie, an der man im Alltag gewöhnt ist, werden hierfür vorübergehend aufgehoben. Dabei werden alle Positionen der Beteiligten gleichgeschaltet. Allgemein kehren sich die Zustände in ihr Gegenteil – man kehrt vom Definierten zum Undefinierten zurück. Anschließend kann der Protagonist von seiner Gemeinschaft wiederaufgenommen oder endgültig ausgestoßen werden.

In unserer Sitzung haben wir das Modell des sozialen Dramas auf den sogenannten „Gang nach Canossa“ angewandt. Das frühe Mittelalter war geprägt durch das kooperative Verhältnis von Kaisertum und Papsttum. Beide gemeinsam, so das gesellschaftliche Grundverständnis, sorgten für Ordnung und unterstützten sich gegenseitig bei ihren jeweiligen Aufgaben. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Kooperation jedoch von beiden Seiten immer wieder neu gedeutet, sodass es zu einer krisenhaften Umstrukturierung der Rolle beider Universalgewalten. Eine der bekanntesten derartigen Momente war der Konflikt zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im 11. Jahrhundert.

Ausgangspunkt war die Frage, wer von beiden den Erzbischof von Mailand ernennen dürfte, der sowohl ein kirchliches Amt ausübte als auch weltliche Herrschaft. Entgegen aller Ermahnungen des Papstes setzte Kaiser Heinrich eigenständig den Erzbischof ein. Als Folge dessen exkommunizierte Gregor Heinrich. Damit schloss er ihn aus der Kirche aus und „verbot“ ihm somit die Herrschaftsausübung. Anders als heute war es im 11. Jahrhundert unvorstellbar, dass ein weltlicher Herrscher ohne religiöse Legitimation herrschte. Sowohl die Rolle des Kaisers als auch des Papstes wurden von der Gegenseite in Frage gestellt. Das bisherige kooperative System erfuhr einen Bruch.

Und was kommt natürlich nach jedem Bruch? Richtig! Die Krise. Der Systemkonflikt entfaltete sich zu einer offenen sozialen Krise, da die Legitimität der Herrschaft des Kaisers offen in Frage gestellt wurde. Es kamen Fragen auf wie: Wie kann ein „von Gott erwählter“ Kaiser nicht Mitglied der kirchlichen Gemeinschaft sein? Und wer ist eigentlich dazu berechtigt, Bischöfe und Reichsäbte einzusetzen? Wo zieht man die Grenze zwischen dem Geistlichen, der Religion, und dem Weltlichen, sprich Politik und Staat?

Die Reichsstände versammelten sich und beschlossen, den verbannten Kaiser abzusetzen und Neuwahlen zu veranstalten, sollte er es bis zu einem festgelegten Termin nicht die Absolution erlangen und damit wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen werden. Heinrich begab sich daraufhin nach Italien, um der Forderung nachzukommen. Um der Begegnung mit Heinrich zu entgehen, zog sich Papst Gregor auf die Burg Canossa zurück.

Bei der Lösung dieses Konflikts lassen sich die Aspekte des sozialen Dramas wie im Brennglas nachvollziehen. Drei Tage lang – so die Quellen – bettelte Heinrich barfuß, weinend in einem Büßergewand gekleidet vor der Burg Canossa im Schnee rituell um Vergebung. Bedenkt mit seinem eigentlichen Status – Heinrich war das nominelle Oberhaupt aller westeuropäischen Herrscher – ist das Auftreten als Büßer eine liminale Nivellierung aller sozialer Ordnung. Erst nach seiner mehrtägigen rituellen Unterwerfung wurde er von Gregor empfangen und erneut in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Folge war sowohl die gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt als auch neu geordnet: Das Reich hatte einerseits wieder einen legitimen Herrscher, das Verhältnis von Kaisertum und Papsttum wurde jedoch in Folge dessen neu auskonfiguriert.

Literatur
  • Gerd ALTHOFF: Rituale – symbolische Kommunikation. Zu einem neuen Feld der historischen Mittelalterforschung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 140-154.
  • Till FÖRSTER: Victor Turners Ritualtheorie. Eine ethnologische Lektüre, in: Theologische Literaturzeitung 128 (2003), S. 703-716.
  • Bernhard LINKE: Politik und Inszenierung in der Römischen Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7 (2006), S. 33-38.
  • Bernd SCHNEIDMÜLLER: Canossa – Das Ereignis, in: Canossa 1077. Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, hg. v. Christoph STIEGMANN / Matthias WEMHOFF, Band 1: Essays, München 2006, S. 36-46.
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