Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

Frankfurt als Wahl- und Krönungsort

Veröffentlicht am 13. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 21. März 2021
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Autorinnen: Anna Kullick & Katharina Stadler

„Das war das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beigewohnt hat. Punkt.“ Diesen Satz sagte Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses, zu einem Ereignis, das wohl vielen von uns im Gedächtnis geblieben ist: die Inauguration Donald Trumps im Jahr 2017. Die Frage der Wirkmächtigkeit und damit auch Legitimation einer Amtseinführung ist eng verbunden mit der kollektiven Erinnerung. Die Inszenierung des Rituals als öffentliches Ereignis ist daher von hoher Relevanz. Doch woher kommt diese Notwendigkeit und wie wird diese umgesetzt? Zur Untersuchung dieser Frage haben wir die Amtseinsetzung Trumps mit dem Frankfurter Krönungsordo verglichen, d.h. des festgelegten Ritualablaufs der Einsetzung als König/Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. In beiden Fällen stehen das „wirkliche“ Ereignis selbst und die ikonische Inszenierung des Geschehens für Gegenwart und Nachwelt in einem Spannungsverhältnis, das zwischen Realismus, imitatorischer Performativität und nachträglicher medialer Bearbeitung changiert. Hierbei spielen sowohl der rituell-öffentliche Ablauf als auch die Bilder, mit denen an das Ereignis erinnert werden soll, eine wichtige Rolle.

In der neue Frankfurter Altstadt erinnert uns der Alte Markt zwischen Dom und Römer noch heute an die Zeit mittelalterlicher Kaiser und Könige. Hier schritt der gerade gekrönte König samt Gefolge zu Fuß zum Römer, um das Krönungsritual im Römer mit einem feierlichen Mahl zu beenden. Seit der Goldenen Bulle von 1356 war Frankfurt Wahlort und seit 1562 auch festgelegter Krönungsort der römischen Könige und Kaiser. Auch der Ablauf des Rituals verlief nach strengen Regeln, die in der Goldenen Bulle festgelegt waren:

Am Krönungstag wurde der neue Herrscher im Dom zunächst befragt, gesalbt, eingekleidet und gekrönt, bevor König und Kaiser gemeinsam nach der Krönungszeremonie den Dom unter 100 Kanonenschüssen verließen, um über den Krönungsweg zum Römer zu gelangen. Trotz der sehr engen Gasse ergab sich für das neue Oberhaupt des Reiches so die Chance der Machtdemonstration. Im Römer wurde im Anschluss daran das Krönungsmahl gefeiert, welches einerseits als feierlicher Abschluss des Krönungsrituals diente, aber andererseits Kaiser und König gleichzeitig die Möglichkeit bot, sich zum ersten Mal in ihrer neuen Position zu repräsentieren. Um die Bedeutung und Wirkkraft des Mahls in ihrer Gesamtheit zu erfassen, muss man aus heutiger Sicht wohl sehr genau hinsehen, denn sogar das streng hierarchische Tafelzeremoniell war ein Spiegelbild der politischen Ordnung des Reiches.

Das gemeine war im Kaisersaal des Römers natürlich nicht anwesend, doch wurde es bei den Feierlichkeiten auch bedacht: Auf dem Marktplatz wurde ein Ochse gefüllt und gebraten sowie Wein ausgeschenkt, um eine große Menge an Menschen in seiner Nähe zu versammeln, deren Zustimmung der neu gewählte und gekrönte Herrscher so erlangte.

Neben dem Ablauf und der Bedeutung der einzelnen Aspekte des Krönungsrituals haben wir uns in unserer Vorbereitung auch mit den Eigenschaften der bildlichen Darstellung beschäftigt. Entscheidend ist dabei vor allem, dass die so genannten Krönungsbilder selten als echte „Dokumente“ des Geschehenen dienten, sondern viel eher eine bestimmte Botschaft oder Sichtweise auf das Ritual und die Teilnehmer übermitteln sollten.

Am Beispiel des Gemäldes „Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer“ von Martin van Meytens aus dem Jahr 1764 wird der inszenierende Charakter besonders deutlich, weshalb wir uns im Zuge unserer Vorbereitung mit diesem Werk auseinandergesetzt haben.

Wenn man ein tatsächliches Foto vom Inneren des Frankfurter Römers mit dem Gemälde von Meytens vergleicht, dann fällt sehr schnell auf, dass der Maler den Festsaal sowohl größer als auch höher dargestellt hat. Der Grund für eine Abbildung dieser Art ist, dass sie erheblich zur Inszenierung und Repräsentation des Kaisers beitrug.

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Gemäldes ist der goldene Baldachin, denn entgegen der Erwartung vieler fallen dem Betrachter nicht als erstes Kaiser und König ins Auge, sondern eben dieses Gebilde. Auch wenn es zuerst merkwürdig scheinen mag, gibt es für dieses Phänomen eine einfache Erklärung: Da die Menschen Kaiser und König zur damaligen Zeit ohnehin nicht nah gekommen sind, lag die Entscheidung, die Gekrönten aus einiger Entfernung und somit kaum erkennbar abzubilden, nah.

Bei einer näheren Betrachtung des Gemäldes sind Linien zu erkennen, die dort beginnen, wo der Baldachin endet, und nach oben verlaufen. Dies weist auf eine Verbindung zum Himmel und somit zu Gott hin, da der Kaiser im damaligen Verständnis der Menschen durch den Willen Gottes in sein Amt erhoben und dadurch legitimiert wurde.

Auch die Barrieren und Verbindungen zwischen dem König und Kaiser und den restlichen Anwesenden sind relevant. Beispielsweise bilden die Treppenstufen und Balken in den Fenstern die deutlichsten Querlinien zur restlichen Ausrichtung des Gemäldes, wodurch eine räumliche Trennung geschaffen wird: Das Machtgefälle zwischen den Gekrönten und den restlichen Anwesenden, wie den Kurfürsten, wird verdeutlicht. Das unterschiedliche Geschirr und die Sitzordnung sowie die Anzahl der Personen an einem Tisch und die erhöhte Stellung der Tafel des Kaisers verstärken diesen Eindruck noch. Zugleich wird jedoch durch die Darstellung des Kaisers und des Königs als Teil der Masse eine Verbindung zu den Anwesenden erschaffen.

Die ausdruckstarke Repräsentation und Inszenierung mag heute auf den ersten Blick fremd und übertrieben wirken. Doch ist das Ganze wirklich so weit entfernt von dem, was wir heute kennen?

In Deutschland mag eine solch pompöse Amtseinsetzung des Staatsoberhauptes fehl am Platz wirken, aber schaut man in Nachbarländer wie Frankreich oder nach Übersee, scheinen die Machtdemonstration und Repräsentation des Amtsinhabers einen höheren Stellenwert einzunehmen. Wer schon mal Fotos oder Videos einer Amtseinsetzung des französischen oder US-amerikanischen Präsidenten gesehen hat, weiß um das Pompöse dieses Rituals. Es handelt sich traditionsgemäß um Inszenierungen der Weitergabe (und Kontinuität) von Macht und um Repräsentationen von Aspekten, die wir bereits im Kontext der Krönung kennengelernt haben (wie Transzendenzbezüge der Herrschaft oder dem komplexen Verhältnis der Herrschenden zum Volk, dessen Teil sie zugleich sind und nicht mehr sind).

Bedenkt man also die Traditionslinien und die verwendete Ritual-Symbolik, wird bereits bei erster Analyse deutlich, dass es sich bei den heutigen zeitgenössischen Ritualen um Transformierungen mittelalterlicher Herrschaftseinsetzungen handelt.

Um diese Verbindung zu verdeutlichen, haben wir unsere Sitzung auf einer Untersuchung der Parallelen und Unterschiede zwischen der besagten Inauguration Donald Trumps 2017 und den idealtypischen Kaiserkrönungen des Alten Reichs aufgebaut. Dabei haben wir uns auf vergleichbare Strukturen, Riten Symbole und Repräsentationen konzentriert.

Fragen wir also zuerst: Wie verläuft denn eigentlich die Inauguration eines US-amerikanischen Präsidenten?

Es war der 20. Januar 2017, als Trump feierlich im Kapitol den Amtseid ablegte. Nach einem Gottesdienstbesuch, der seit 1809 Tradition der Amtseinsetzung ist, wurde um 12 Uhr der Amtseid Trumps auf die Lincoln-Bibel und seine persönliche Kinderbibel geschworen. Die Vereidigung endete traditionsgemäß mit dem 21-Kanonen-Salut, zur Würdigung seines Rangs, bevor Trump seine Antrittsrede hielt. Nach einem anschließenden Mittagessen begann die Cavalcata zum Weißen Haus. Trump und seine Frau Melania wurden dabei von einer Militärparade und zahlreichen Zuschauern, aber auch Demonstranten begleitet, sodass nicht nur Jubelrufe zu hören waren. Sie fuhren aus Sicherheitsgründen den größten Teil des Weges in einem Auto, doch stiegen sie auch aus, um zu Fuß zu gehen, was die Repräsentationskraft des Aktes erhöhte. Drei feierliche Bälle dienten als Abschluss in Inauguration. (Zu den Hintergründen dieser Ritualelemente siehe »Rituale der Herrschaftseinsetzung.)

Das Ganze sah für uns auf den ersten Blick nach althergebrachtem Brimborium aus, auch gerade, weil uns in Deutschland so eine Inszenierung der Amtsinhaber eher fremd erscheint. Doch wenn man sich das Ritual der US-amerikanischen Amtseinsetzung genauer ansieht, fallen doch mehrere bedeutungstragende Elemente auf, die sich mit dem Frankfurter Krönungsordo vergleichen lassen.

Augenfällig sind hier zunächst die Formen von öffentlicher Inszenierung und Machtdemonstration des neuen Amtsinhabers. Die Parade Trumps, das Militär, die Kanonenschüsse und die Bälle unterstreichen die Macht des Präsidenten als Träger des höchsten Amts in den USA und als Oberbefehlshaber des Militärs.

Ähnlichkeiten gibt es ebenfalls in den religiösen Bezügen. Heutzutage sind diese weniger offensichtlich als im mittelalterlichen Krönungsritual. Dennoch gibt es in den US-amerikanischen Ritual, ähnlich wie im Frankfurter Ordo, einen Gottesdienstbesuch des Präsidenten, der die Anerkennung einer übergeordneten göttlichen Ebene verdeutlicht. Im Gegensatz zum mittelalterlichen König inszeniert sich der US-Präsident jedoch ohne Gottesgnadentum.

Welche Relevanz die Partizipation von Publikum am Einsetzungsritual nach wie vor hat, wurde deutlich, als einen Tag nach der Inauguration Trumps vergleichende Bilder zur Amtseinsetzung Obamas im Netz kursierten. Auf diesen zeigte sich, dass mehr Menschen Obamas Amtseinsetzung vier Jahre zuvor beigewohnt hatten. Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses behauptete jedoch, dass bei Trump das größte Publikum aller Zeiten anwesend gewesen sei, was durch die manipulierten Bilder der Menge unterstrichen werden sollte. Hier stellte sich uns nun die Frage, aus welchen Gründen die Zuschauermenge größer dargestellt worden war. Denn Trump wurde schließlich ins Amt gewählt und an diesem Tag offiziell ins Amt eingesetzt. Die Zuschauermenge hat dann doch eigentlich keinen Einfluss, oder?

Bei Trump und auch schon bei mittelalterlichen Königen war die Anwesenheit des Volkes ein aussagekräftiger Faktor der Legitimation des Machthabers, sodass die Menge der anwesenden Zuschauer durchaus für die Inszenierung wichtig ist – und das gilt heute genauso wie in früherer Zeit.

Die Zuschauer drücken durch ihre Anwesenheit ihre Legitimation und Anerkennung gegenüber Trump aus. Die Tatsache, dass seine Amtseinsetzung weniger stark besucht war als diejenige Obamas, lässt sich demnach als Symbol für einen geringeren Rückhalt beim Volk interpretieren. Und dieser Rückhalt ist ebenso für die Legitimation von Herrschaft wichtig wie für ihre Stabilität. Dass überhaupt ein Vergleich zu Obamas Einsetzung im Netz kursierte, belegt die Bedeutung der scheinbaren „Äußerlichkeit“ des Umfangs der jubelnden Masse.

Was nehmen wir nun aus diesem Vergleich mit? Zum einen, dass es sich lohnt, sich trotz aller gefühlten Andersartigkeit historischer Rituale mit ihnen zu beschäftigen. Viele Bedeutungsebenen heutiger Rituale erschließen sich erst, wenn einem die Symbol- und Ritualtraditionen bekannt sind, in die sich das jeweilige Ritual stellt. Und zum anderen wird aus derartigen Vergleichen deutlich, inwiefern sich die unterschiedlichen politischen Systeme auch in der Transformation der mit ihnen verbundenen politischen Inszenierungen ausdrücken.

So anders und exotisch der Krönungsordo der Goldenen Bulle aus dem 14. Jahrhundert also auf uns wirkt – auch und gerade angesichts der methodischen Ähnlichkeiten der Inszenierung zur Inauguration des US-Präsidenten ist er uns näher, als man landläufig vermutet.

Quellen und Literatur
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