Geschichte: Ritual, Symbol, Repräsentation

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Veröffentlicht am 12. März 2021 in von ; zuletzt geändert: 15. März 2021
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Autor: Moritz Nocher

Unser Leben ist durchzogen von Ritualen. Manche gestalten wir bewusst, andere wiederholen oder verwenden wir, obwohl sie uns scheinbar inhaltsleer vorkommen. Bei anderen wiederum kann es zu tiefen sozialen Zerwürfnissen kommen, falls sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend „korrekt“ durchgeführt werden; man denke etwa an die familiäre Gestaltung des Weihnachtsfestes.

Der diesjährige Geschichtskurs hatte es sich zum Ziel gesetzt, gegenwärtige und historische Rituale zu analysieren, zu dekonstruieren und auf diese Weise Bedeutungsebenen und Wirkmächtigkeiten freizulegen, derer wir uns bei einer oberflächlichen Betrachtung oft nicht bewusst sind. Wir haben uns dabei sowohl mit den theoretischen Konzepten von Symbol, Ritual und Repräsentation näher auseinandergesetzt als auch wichtige Rituale und Symbole der Gegenwart in ihrem Spannungsfeld zwischen bewusstem Aufgreifen von Traditionen und klarer Abgrenzung zur Vergangenheit entschlüsselt.

Wie wenige andere Wissenschaften stehen die Geschichts- und Kulturwissenschaften vor der Herausforderung, dass sie mit (Fach-)Begriffen hantieren, die auch in der Alltagssprache existieren, dort jedoch eine andere Semantik haben. Auch der Themenkomplex „Ritual – Symbol – Repräsentation“ ist hiervon betroffen. Während der Begriff „Ritual“ im Alltag allgemein für die Wiederholung von Handlungen verwendet wird, beispielsweise in der Beschreibung der individuellen Handlungsabfolge im Badezimmer als „Morgenritual“, ist der geschichtswissenschaftliche Terminus deutlich komplexer:

„Als Ritual im engeren Sinne wird (…) eine menschliche Handlungsabfolge bezeichnet, die durch Standardisierung der äußeren Form, Wiederholung, Aufführungscharakter, Performativität und Symbolizität gekennzeichnet ist und eine elementare strukturbildende Wirkung besitzt.“ [Stollberg-Rillinger, 9]

Rituale sind demnach konstitutiv für soziale Strukturen; manche Forscher gehen sogar so weit zu sagen, dass Gemeinschaften nur durch und mit Ritualen Bestand haben können. Doch was macht Rituale so besonders? Es lassen sich sechs zentrale Eigenschaften ausmachen:

  • Rituale stehen in einem permanenten Spannungsfeld aus Tradition und Veränderung: Sie sind geformt und wiederholen sich in gleichen oder ähnlichen standardisierten Formen; gleichzeitig sind sie jedoch veränderbar und werden über die Zeit hinweg immer wieder neu adaptiert.
  • Rituale sind zeitlich, räumlich und sozial gekennzeichnet. Die jeweiligen Akteure und Handlungen, aber auch die Zuschauer, heben sich aus dem Alltag heraus.
  • Rituale sind symbolisch, d.h. sie weisen über sich selbst hinaus auf einen größeren sozialen Ordnungszusammenhang einer Gemeinschaft. In ihnen verdichten sich nonverbal Ordnungsprinzipien, Grenzen, Weltbild und Identität der betroffenen Gemeinschaft.
  • Rituale haben performativen Charakter; sie sagen nicht nur etwas, sie tun Rituale stiften Zäsuren zwischen einem „Vorher“ und einem „Nachher“ und verpflichten die Teilnehmenden auf das von ihnen öffentlich symbolisch Zugesagte.
  • Gemeinsam vollzogene Rituale erzeugen in den Beteiligten bestimmte Gefühle. Auf diese Weise bilden Rituale nicht nur deskriptiv ein Wirklichkeitsmodell ab, sondern beeinflussen präskriptiv die Zukunft.
  • Rituale entfalten eine elementare, sozial strukturbildende Wirkung, indem sie den einzelnen Akt in ein kollektives, überindividuelles Strukturmuster einordnen; beispielsweise stellen sie die Betroffenen in eine größere Ordnung hinein und stützen so ihre Existenz.

Diese sechs Eigenschaften zogen sich wie ein roter Faden durch das Programm des Kurses und wurden von den einzelnen Arbeitsgruppen jeweils an Spezialthemen neu „ausgeleuchtet“ und beispielhaft nachvollzogen.

Literatur

Als gemeinsame Arbeitsgrundlage für alle Teams und Kurseinheiten diente:

  • Barbara STOLLBERG-RILINGER: Rituale (= Campus Historische Einführungen 16), Frankfurt/New York 2013, S. 1-43 [= Einleitung].
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